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Tefsir einer Suren aus dem Kuran


Die Nacht der Bestimmung Sure 97

Die Sure mit der Bestimmung

suratu-l-qadr

Wir haben ihn (den Qur'an) ja herabgesandt in der Nacht der Bestimmung (Al-Qadr), [97:1]
Und was läßt dich wissen, was die Nacht der Bestimmung (Al-Qadr) ist? [97:2]
Die Nacht der Bestimmung (Al-Qadr) ist besser als tausend Monate, [97:3]
Es kommen die Engel herab und der Geist in ihr, mit der Erlaubnis ihres Herren, zu jeder Angelegenheit, [97:4]

Frieden ist sie, bis zum Aufgehen der Morgendämmerung. [97:5] Im Jahre 610 n.Chr. zog sich der Prophet Mohammed (s) in die Felsennische Hira, die auf dem „Berg des Lichtes“ (Nur) liegt, zurück und betrieb I´tikaf (sich zurükziehen, um Ibada [Gebet, Anbetung] zu machen). In jener Nacht, die wir als die Nacht der Besti mmung bezeichnen, kam der Engel Gabriel (Dschibril) zum Propheten Muhammed (s) und überbrachte ihm die erste Offenbarung:

Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf.[96:1]Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen.[96:2] Lies; denn dein Herr ist Allgütig,[96:3]Der mit dem Schreibrohr lehrt,[96:4] lehrt den Menschen, was er nicht wußte.[96:5]

Die Nacht der Bestimmung (Al-Qadr) ist besser als tausend Monate, [97:3] daher sollte diese Nacht ausgenutzt werden, um Ibada zu machen:

Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, daß der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: "Wer immer - aus dem Glauben heraus und aus der Hoffnung auf den Lohn Allahs - die Nacht der Macht (Lailatu-l-qadr) im Beten verbringt, dem w erden seine vergangenen Sünden vergeben. Und wer immer - aus dem Glauben heraus und der Hoffnung auf den Lohn Allahs - im Ramadan fastet, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben." (Buchari)

Das genaue Datum der Nacht der Bestimmung ist nicht bekannt. In einigen Hadithen heißt es:

'A'ischa, Allahs Wohlgefallen auf ihr, berichtete, daß der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: "Erwartet Lailatu-l-Qadr in den letzten zehn Tagen des Ramadan, die ungerade Zahlen (Witr) haben." (Buchari)

Ibn Ka'b sagte: "Bei Allah, außer Dem kein Gott da ist, sie (Lailatu-l-Qadr) ist im Ramadan, und bei Allah, ich weiß genau, welche Nacht sie ist! Sie ist die Nacht, in der der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, uns das Eifern mit der Ver richtung des Gebets ans Herz gelegt hat. Sie ist die Nacht zum 27. Ramadan und ihr Zeichen ist dadurch zu erkennen, daß die Sonne am Morgen dieser Nacht weiß ohne Strahlen aufgeht." (Da, Ha, Mu, Ti).

„Oh Allah, Du bist der Vergebende. Du liebst die Vergebung. So vergib mir.“ (Bittgebet, welches durch den Prophet Muhammed (s) empfohlen wurde).

All unseren Schwestern und Brüdern wünschen wir eine Nacht der Vergebung und ein frohes Ramadan-Fest.


 

AL-'ASR  Sure 103

Übersetzung

Der Nachmittag (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1.Bei der (flüchtigen) Zeit,

2. Wahrlich, der Mensch ist in einem Zustande des Verlusts,

3. Außer denen, die Überzeugt sind und gute Werke tun und einander zur Wahrheit mahnen und einander zur Geduld rufen..
 
 

Kommentar

Diese kurze Sura ist die Zusammenfassung des Grundgesetzes des Islam und der Anweisungen für das Handeln im täglichen Leben eines Muslims - nämlich Glaube als Grundlage für alles Handeln, daraus resultierende gute Taten und das gegenseitige Sich-Ermahnen zur Wahrheit und zur Geduld.

Betrachten wir nun die Verse im einzelnen:

Das arabische Wort 'asr im ersten Vers dieser Sura bedeutet »Nachmittag«, aber auch »Zeit« oder »Zeitalter«; der erste Vers kann also auch übersetzt werden mit »Bei der Zeit ! « Nach Meinung einiger Qur'an-Kommentatoren ist mit »der Zeit« oder »dem Zeitalter« das Zeit-alter des Propheten Muhammad (a.s.s.) gemeint, das ja durch sein Erscheinen und durch die Erneuerung der Religion ein gutes Zeitalter war; nach Meinung anderer Gelehrter soll dieses Wort besagen: »Beim Herrn der Zeit ! «, also »Bei Allah!« Eine weitere Gruppe von Qur'an-Kommentatoren vertritt die Ansicht, daß mit 'asr das Nachmittagsgebet gemeint sei; es wird im Arabischen anstatt salâtu-l-'asr auch kurz al-'asr genannt. Das Nachmittagsgebet, das sogenannte mittlere Gebet«, genießt einen besonderen Vorzug für diejenigen, die es pünktlich zu seiner festgesetzten Zeit verrichten, weil man im allgemeinen gerade zu dieser Tageszeit geneigt ist, das Gebet zu vernachlässigen; denken wir in diesem Zusammenhang an Vers 238 der Sura 2 (AI-Baqara, Die Kuh), in dem uns Allah (t) ausdrücklich auf dieses Gebet hinweist:

»Haltet die Gebete ein, und das mittlere!« »Mittleres« Gebet heißt das Nachmittagsgebet wahrscheinlich deshalb, weil es, obwohl es im letzten Viertel des Tages verrichtet wird, in der Mitte der Reihenfolge der Pflichtgebete liegt:

Man beginnt den Tag mit dem Morgengebet, dann folgt das Mittagsgebet, in der Mitte steht das Nachmittagsgebet, sodann verrichtet man das Abendgebet und schließlich das Nachtgebet. Viele Suren, die zu Beginn des Prophetentums Muhammads (a.s.s.) in Mekka offenbart wurden, beginnen mit einem Schwur Allahs (t) so wie diese. Allah (t) schwört bei Naturereignis sen, Naturgesetzen oder Dingen, die uns Menschen selbstverständlich erscheinen wie in dieser Sura der Nachmittag oder die Zeit, daß die Worte, die Er Seinem Gesandten Muhammad (a.s.s.) offenbart hat, so wahr sind, wie eben diese Naturereignisse oder Dinge, die wir ständig erleben. Bedenken wir dabei auch, daß der Prophet (a.s.s.) anfangs zutiefst erschrocken war über die ihm zuteilgewordenen Offenbarungen, und so versicherte ihm Allah (t) in den darauf-folgenden Offenbarungen durch die Schwüre am Anfang der Suren, daß es sich hierbei wirklich um Offenbarungen von Allah (t) und um die Wahrheit handele und nicht etwa um Eingebungen eines bösen Geistes.

Der grammatische Einzahlbegriff »der Mensch« steht in Vers 2 dieser Sura als Abstraktion für die ganze Menschheit; »Verlust« bedeutet in diesem Zusammenhang »Schaden«, nach anderen Kommentatoren »Untergang«, »Bestrafung«, »Übel« oder »Übervorteilung« - wie man sieht, liegen die verschiedenen Begriffe in ihrer Bedeutung alle nahe beieinander.

Im zweiten und dritten Vers dieser Sura werden die Taten der Menschen gleichsam mit Handels-waren verglichen: Die Besitzer der schlechten Waren mit ihrem ichbezogenen, auf materiellen Gewinn ausgerichteten Tun verlieren und haben den Schaden, während die Besitzer der guten Taten Gewinn erzielen.

Die Besitzer der schlechten Waren sind die Ungläubigen mit ihren Taten, die sich auf den »Handel« einlassen in der Hoffnung, ihre schlechten Waren günstig einzutauschen für das Wohlergehen im Jenseits, doch sie sehen sich getäuscht: Allah (t) tauscht ihnen ihre schlechten Taten und ihren Unglauben nicht für das Paradies ein, sondern für die Strafe des Höllenfeuers.

Ausgenommen von diesem verlustreichen Handel der Menschheit sind diejenigen, »die glauben...« - die an die Existenz und die Einheit Allahs (t) glauben, die an die Entsendung von Allahs Boten (a.s.) glauben und daran, daß Muhammad (a.s.s.) der letzte und für alle Völker entsandte Prophet ist, die daran glauben, daß die vom Gesandten Allahs (a.s.s.) übermittelten Gebote und Verbote und sein Vorbild für alle Muslime und in jedem Zeitalter verbindlich sind und daß die durch ihn übermittelte Botschaft die Wahrheit ist.

Im Anschluß an den Glauben werden im dritten Vers dieser Sura noch andere Eigenschaften genannt, die diejenigen besitzen, die vom verlustreichen Handel ausgenommen sind:

»...und gute Werke tun, und sich gegenseitig zur Geduld anhalten.« Diese weiteren Eigenschaften stehen mit dem Glauben in unmittelbarem Zusammenhang - denn ohne ihn haben sie keinen Wert. Betrachten wir dazu zunächst den folgenden Hadit, der von Muslim überliefert wird:

'A'isa ®, die Frau des Propheten Muhammad (a.s.s.), fragte:

»O Gesandter Allahs! Ibn Gud'ãn pflegte in der Zeit der Unwissenheit vor dem Islam die Bande der Verwandtschaft und gab Armen zu essen, kaufte Kriegsgefangene los, ließ Sklaven frei und beförderte Personen und Lasten auf seinen Kamelen um Allahs willen ohne Entgelt. Nützt ihm das etwas?« Der Prophet (a.s.s.) erwiderte:

»Nein, denn er hat niemals gesagt: « Mein Herr, vergib mir meine Sünden am Tage des Gerichts! Die guten Werke müssen also getan werden, während man an Allah (t) glaubt, sonst werden sie von Allah (t) nicht angenommen, oder anders ausgedrückt, diejenigen, die nicht an Allah (t) glauben, führen nicht nur mit ihren schlechten Taten einen verlustreichen Handel, sondern auch mit ihren »guten Werken «, da diese ohne den Glauben an Allah (t) keinen Wert haben. So heißt es im Qur'an, Sura 9 (At-Taúba, Die Reue), Vers 54:

»Und nichts verhindert, daß ihre Spenden von ihnen angenommen werden, außer daß sie nicht an Allah und seinen Gesandten geglaubt haben.« Wie Vers 62 der Sura 2 (Al-Baqara, Die Kuh) zeigt, bezieht sich dies jedoch nicht auf die Angehörigen der »Schriftreligionen«:

»Diejenigen, die glauben (d. h. die Muslime), und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Christen und die Sabäer - wer immer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes tut, sie haben ihren Lohn bei ihrem Herrn, und keine Angst soll sie überkommen, noch werden sie traurig sein.« Dies gilt allerdings mit einer Einschränkung:

Der Lohn der Juden, Christen und Sabäer kann nur dann im Paradiesleben bestehen, wenn sie noch niemals etwas vom Propheten Muhammad (a.s.s.) gehört haben. Dazu sagte einer Oberlieferung von Al-Qurfubl zufolge der Gesandte Allahs (a.s.s.):

»Es gibt keinen in dieser Gemeinde, sei er Jude oder Christ, der von mir hört und dann nicht an die Botschaft glaubt, mit der ich gesandt wurde, ohne daß er zu den Insassen der Hölle gehören wird. Und in einer ähnlichen Oberlieferung bei Al-bari heißt es:

»...darauf sagte der Prophet: ,Wer in der wahren Religion Jesu (a.s.) stirbt, ohne von mir gehört zu haben, dem wird es wohlergehen, doch wer heute von mir hört und nicht an mich glaubt, der ist verloren.«

Hierzu ist ausdrücklich zu bemerken, daß auch das ursprüngliche, unverfälschte Christentum »Islam« war, d. h. »völlige Ergebung in den Willen Allahs (t)«, ebenso wie die Lehre aller wahren Propheten Allahs (a.s.). Der Islam wurde also nicht von Muhammad (a.s.s.) begründet, sondern auf die letzte und höchste Form seiner Entwicklung gehoben. In der einen oder anderen Form existierte er seit der Zeit Adams (a.s.) und wurde von niemand anderem begründet als von Allah selbst.

Was sind nun »gute Werke«?

Das sind Taten, die den Geschöpfen Allahs nützen und den Bedürftigen in ihrer Not helfen. Denn wer Allahs Geschöpfen dient, indem er ihnen Gutes erweist und ihnen in Not und Elend hilfreich zur Seite steht, der dient damit auch ihrem Schöpfer und Herrn. Der Begriff »gute Werke« ist also sehr weit gefaßt zu verstehen; er beinhaltet alles, was einem anderen Geschöpf - von den eigenen Eltern bis hin zu den Tieren der Wildnis - Wohltat und Hilfe ist, vom Unter-lassen übler Rede und Beleidigung bis hin zur Rettung aus Lebensgefahr, und für diese guten Taten verspricht Allah (t) im Jenseits das Paradies.

Mit der »Wahrheit« in Vers 3 soll nach Ibn 'Abbàs ® die Lehre von der Einheit Allahs (t), des Tauhid, gemeint sein, nach Meinung anderer der Qur'an. Wie dem auch sei - nach allgemeiner Definition ist die Wahrheit eine feststehende Tatsache, die niemand leugnen kann, und sie bezeichnet in diesem Zusammenhang alles Gute: von der Lehre des Tauhid bis zum Gehorsam Allah (t) gegenüber, indem man Seine Gebote und die Lehre Seiner Gesandten (a.s.) befolgt, bis zur Enthaltsamkeit im Diesseits und dem Verlangen nach dem Jenseits. Der Vers 17 von Sura 90 (Al-Balad, Die Ortschaft) lautet ähnlich wie der letzte Vers der hier besprochenen Sura:

»...und hierauf zu denen gehören, die glauben und sich gegenseitig die Barmherzigkeit ans Herz legen.« »Geduld« bedeutet Ausharren im Gehorsam gegenüber Allah (t) und Ablassen vom Ungehorsam Ihm gegenüber, aber auch Ertragen von Prüfung und Unglück. Das Wort »gegenseitig« zeigt, daß der Muslim sich mit der Wahrheitsliebe und der Geduld nicht auf sich allein beschränken darf, sondern auch andere Menschen dazu anhalten soll, denn der Islam ist keine Religion für Einsiedler, sondern in erster Linie eine Religion für Menschen, die in Gemeinschaft miteinander leben. Und wenn einer in dieser Gemeinschaft sieht, daß ein anderer seine Pflichten vernachlässigt, so soll er ihn an deren Erfüllung erinnern. In diesem Sinne kann der Text auch bedeuten: »sich gegenseitig mit der Wahrheit ermahnen« - d. h. also, sich gegenseitig mit der Wahrheit und der Weisheit aus dem Qur'an Rat erteilen und Anweisungen für ein rechtschaffenes, gottesfürchtiges Leben geben.

Das arabische Wort tawâsu, »sich gegenseitig ans Herz legen, sich gegenseitig anhalten, sich gegenseitig anraten«, steht in diesem Vers zwei-mal: das erste Mal in Verbindung mit der »Wahrheit« und das zweite Mal in Verbindung mit der »Geduld«. Diese Wiederholung desselben Wortes, das hier in der Obersetzung mit zwei verschiedenen Wörtern ähnlichen Sinnes wider-gegeben wurde, weist auf die Bedeutung der »Gegenseitigkeit« hin. Mit »sich gegenseitig zur Geduld anhalten« ist also gemeint, daß man seinem Mitmenschen in schwierigen Situationen, Notlagen und im Elend Mut macht, Trost spendet und ihn zum Ausharren und geduldigen Er-tragen seiner Lage anspornt. Denn der Muslim darf niemals aufgeben, auch wenn seine Lage noch so aussichtslos erscheint - weiß er doch nicht, ob ihn Allah (t) vielleicht damit prüfen will oder ob sich seine Situation nicht doch noch zum Besserenwenden wird.

Lehre

  1. Die in dieser Sura aufgeführten Sätze gehören zu den wesentlichsten Regeln, die der Muslim in der Praxis des täglichen Lebens beachten muß. Wenn er nicht nach den genannten Anweisungen handelt, verliert er die Gnade Allahs (t) und die Glückseligkeit im Jenseits.
  2. Gute Werke allein bringen den, der sie verrichtet, nicht ins Paradies, weil Allah (t) sie nur dann annimmt, wenn sie aus dem Glauben an Ihn, Seine Propheten (a.s.) und Seine offenbarten Schriften oder in Verbindung mit dem Glauben getan werden, der Voraussetzung für ihre Annahme ist.

  3. Der Islam ist eine Religion für die Gemeinschaft. Daher muß auch das Ermahnen zur Wahrheit und das Anhalten zur Geduld unter den Mitgliedern der islamischen Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit beruhen.

AL-HUMAZAH  Sure 104

Übersetzung

Der Verleumder (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Wehe jedem Lästerer, Verleumder,

2. Der Reiehtum zusammengeschart hat und ihn berechnet Mal um Mal.

3. Er wähnt, sein Reichtum habe ihn unsterblich gemacht.

4. Nein! er wird sicherlich bald in das Verzehcende geschleudert werden.

5. Und was lehrt dich wissen, was das Verzehrende ist ?-

6. Das Feuer Allahs, das entzündete,

7. Das über die Herzen hinweg züngelt.

8. Es wird sich wölben über ihnen

9. In ausgestreckten Säulen.


KOMMENTAR ZU EL-HUMAYZA

Diese frühe mekkanische Sura trägt ihren Namen nach einem Wort in ihrem ersten Vers. Die Kommentatoren sind sich nicht einig darüber, welche Person aus der Zeit des Propheten Muhammad (a.s.s.) im besonderen mit dem »lästernden Verleumder« gemeint ist; genannt werden Al-'Ahnas ibn Suralq, der die Menschen zu bekritteln und zu tadeln pflegte, Al-Walid ibn al-Mugira, der den Propheten (a.s.s.) in dessen Anwesenheit beleidigte und auch hinter dessen Rücken verleumdete, Ubay ibn Halaf und schließlich Gamil ibn 'Amir vom Stamme der Taqif. Auch wenn nicht klar ist, ob mit dem »lästernden Verleumder« eine bestimmte Person gemeint ist oder nicht, so hat doch die im ersten Vers ausgesprochene Drohung »Wehe!« allgemeine Gültigkeit für jeden, der andere lästert oder verleumdet.

Die beiden Wörter humaza, »Verleumder«, und humaza, »Lästerer«, sind nach der arabischen Wortbildungslehre Formen der »Übertreibung«, die ausdrücken, daß jemand etwas Bestimmtes ständig oder immer wieder tut. Das Wort humaza ist abgeleitet von dem Verb hamaza, »verleumden, herabsetzten«; seine Grundbedeutung ist »anstacheln«, denn eine Verleumdung führt gewissermaßen zu einer Anstachelung und Aufhetzung der Verleumdeten und aller der Personen, die mit der Angelegenheit zu tun haben. Das Wort hunaza ist abgeleitet von dem Verb hamaza, " bekritteln, lästern > mit der Grundbedeutung »mit den Augen zuzwinkern«.

Ein derartiges Verhalten wird im Qur'an als höchst verabscheuungswürdig bezeichnet; so heißt es z. B. in Sura 49 (Al-Hucurát, Die Gemächer), Vers 11:

"O ihr, die ihr glaubt, lasset nicht die einen über die andern spotten, die vielleicht besser als sie sind. Auch Frauen sollen nicht über andere Frauen spotten; vielleicht sind diese besser als sie. Und bekrittelt euch nicht gegenseitig und gebt euch keine Schimpfnamen! Wie schlimm ist die Bezeichnung der Sündhaftigkeit, nachdem man den Glauben angenommen hat! Diejenigen aber, die nicht umkehren, sind die Ungerechten." Und im nächsten Vers derselben Sura heißt es sogar:

"O ihr, die ihr glaubt! Laßt euch nicht so viel auf Mutmaßungen ein! Mutmaßungen anstellen ist manchmal Sünde. Und spioniert nicht und sprecht nicht hintenherum schlecht voneinander! Möchte wohl einer von euch das Fleisch seines toten Bruders verzehren? Das wäre euch doch zuwider! Fürchtet Allah! Er ist gnädig und barmherzig!" Im zweiten Vers der Sura 104, "der ein Vermögen zusammenträgt und es zurücklegt", bezieht sich das Wort "der" auf den im ersten Vers genannten »lästernden Verleumder«, so daß man hieraus schließen könnte, daß möglicherweise mit dieser Bezeichnung doch eine beistimmte Person aus der Zeit des Propheten (a.s.s.) gemeint ist, denn nicht jeder »lästernde Verleumder« ist unbedingt auch jemand, »der ein Vermögen zusammenträgt und es zurück-legt«. Es kann jedoch auch gemeint sein, daß ein »Lästernder Verleumder« in den meisten Fällen auch ein habgieriger, geiziger Mensch ist, auch wenn diese zweite Eigenschaft nicht Bedingung für die erste ist. Wie dem aber auch sei - die Drohung »Wehe!« gilt, wie bereits erwähnt, allgemein für jeden Krittler und Verleumder, und sie gilt ebenso für jeden, »der ein Vermögen zusammenträgt und es zurücklegt«, in welchem Zeitalter er auch leben mag.

Der Verleumder, wie er in dieser Sura beschrieben wird, trägt also ein Vermögen zusammen und legt es für schwere Zeiten, für die Wechsel-fälle des Lebens oder für seine Kinder und Erben zurück. Nach einigen Kommentatoren bedeutet das Wort 'addadah nicht »zurücklegen, bereit-stellen«, sondern »zählen« oder »stolz sein auf, sich rühmen mit«. Gemeint ist mit der Aussage in diesem Vers der Geiz und das Zurückhalten des Vermögens, so daß sein Besitzer es hortet und spart und nicht für gute und Allah (t) wohl-gefällige Zwecke ausgibt. Besitz von Vermögen allein gilt im Islam keineswegs als verwerflich - einige Gefährten des Propheten (a.s.s.), wie z. B. 'Uthman ibn 'Affän ®, der spätere dritte Kalif, waren reich und hatten ihr Vermögen auf recht- mäßige Weise erworben, doch sie hielten es nicht in Geiz und Habgier für sich selbst oder ihre Erben zurück, wenn von ihnen verlangt wurde, es für die Sache Allahs (t) auszugeben. Auch dieser Vers richtet sich nicht gegen den Besitz von Vermögen an sich, sondern vielmehr gegen das Zurückhalten reichlich vorhandenen Vermögens von seiner Verwendung für wohltätige und der islamischen Gemeinschaft nützliche Zwecke, und ein derartiges Verhalten gilt also als höchst tadelnswert.

Auch andere Qur'an-Stellen nehmen darauf Bezug; so heißt es z. B. in Sura 68 (Al-Qalam, Das Schreibrohr), Vers 10 - 12:

»Und gehorche keinem verächtlichen Schwörer (d. h. jemandem, der bei jeder Gelegenheit immer gleich schwört), Verleumder, der üble Nachrede verbreitet, der das Gute (über das er verfügt, anderen) vorenthält, Übertreter, Sünder!« Und in Sura 70 (AI-Ma'árig 179, Die Himmelstreppe), Vers 17 - 18 lesen wir:

Es (nämlich das Höllenfeuer) ruft (zu sich alle) diejenigen, die (der Wahrheit) den Rücken kehren und sich abwenden, und die (Geld und Gut) zusammentragen und horten.« Wie abscheulich ein derartiger Geiz in den Augen Allahs (t) ist, wird insbesondere deutlich in Sura 9 (At-Taúba, Die Reue), Vers 34 - 35, wo Allah (t) die Strafe dafür schildert:

«...Diejenigen nun, die Gold und Silber horten und es nicht um Allahs willen spenden, verkünde ihnen schmerzhafte Strafe am Tage, da es (d. h. das gehortete Gold und Silber) im Feuer der Hölle heiß gemacht wird und ihnen Stirn, Seite und Rücken damit gebrandmarkt werden (und zu ihnen gesagt wird): , Das ist es, was ihr für euch selbst gehortet habt. So schmeckt nun, was ihr gehortet habt!«

Das Wort, das im Arabischen für »unsterblich machen« im dritten Vers dieser Sura steht, lautet ahladah. Nach einigen Kommentatoren ist damit gemeint, daß die erwähnte Person glaube, das gehortete Vermögen schenke ihr ein langes Leben, länger als das der Armen. Nach Meinung anderer wird in diesem Vers eine Lebenseinstellung beschrieben, die so ausschließlich auf das Diesseits und auf den Erwerb materieller Güter gerichtet ist, als ob der Mensch unsterblich sei, als ob er nicht all diese Besitztümer mit seinem Tode verlieren würde oder als ob er sich durch sie Unsterblichkeit erkaufen könne.

Wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit war diese materialistische Lebenseinstellung so verbreitet wie in unserer Zeit und insbesondere in der westlichen Welt: Konsum und der Erwerb materieller Werte sind für viele Menschen gleichsam zum eigentlichen Lebensinhalt geworden. Die Vorstellung, einmal sterben zu müssen, ist ihnen so unerträglich, daß sie diesen Gedanken völlig aus ihrem Bewußtsein verdrängen, den Tod aus ihrem Denken einfach ausklammern - so, als seien sie unsterblich, obwohl auch der Begriff der Unsterblichkeit schon ihrem Denken fremd geworden ist.

Gerade dieser Vers zeigt also in großartiger Deutlichkeit, daß die qur'anischen Aussagen auch 1400 Jahre nach ihrer Offenbarung nicht im mindesten von ihrer Aktualität verloren haben, sondern daß sie in aller Welt und zu allen Zeiten ihre Gültigkeit haben.

Im vierten Vers folgt nun klar und abweisend die Antwort von Dem, Der weiß, daß kein materielles \Vermögen das Leben des einzelnen auch nur um einen Moment über die Frist hinaus zu verlängern vermag, die Allah (t) ihm gesetzt hat:

»Aber nein!«

Stattdessen hat der »lästernde Verleumder«, der »ein Vermögen zusammenträgt und zurücklegt«, zu erwarten, daß er in Al-Hutama geworfen wird.

Hutama ist wie die beiden Wörter Hunaza und Humaza nach demselben grammatischen Muster eine Form der »Übertreibung«. Es ist abgeleitet von dem Verb hattama, »zerbrechen, zerschmettern, zertrümmern«. Al-Hufama heißt also eigentlich »der Zerbrecher, der Zerschmetterer«. Weil man sich aber unter diesem Begriff nur schwer etwas Bestimmtes vorstellenkann, kommt nach der rhetorischen Frage:

Doch was läßt dich wissen, was Al-Hutama ist?« im fünften Vers eine genauere Angabe darüber im sechsten Vers:

»Es ist Allahs in der Hölle angezündetes Feuer.«

Dies ist nicht irgendein Feuer, wie wir es im diesseitigen Leben kennen, sondern das Feuer Allahs (t), das Er erschaffen hat, um darin die Menschen zu bestrafen, die nicht an Ihn glauben wollen oder Seine Gebote und Verbote mißachten. Es ist das Höllenfeuer, das alles und jeden zerbricht, der hineingeworfen wird - möge Allah uns von ihm fernhalten, amin.

Immer wieder im Qur'an weist uns Allah (t) in Seiner Gnade auf dieses »Feuer« hin und schildert die Qualen der Hölle, um die Menschen zu warnen und sie von frevelhaftem Tun abzubringen. Dieses von Allah (t) angezündete Feuer erlöscht niemals, und sein »Vordringen bis zum Innersten der Herzen«, wie es im siebten Vers beschrieben wird, bedeutet, daß es die Leiber der Verdammten ganz verzehrt bis auf das Innerste der Herzen. Sodann bekommen die Insassen dieses Feuers neue Leiber, die ebenfalls vom Feuer verzehrt werden, und so fort, so daß sie andauernde Pein erleiden müssen. Würde auch das Innerste der Herzen vom Feuer vernichtet, müßten die Verdammten sterben und hätten als Tote keinen Schmerz mehr zu ertragen. So aber empfinden sie mit dem Innersten ihrer Herzen den gesamten Schmerz und befinden sich in einem Zustand, der weder Leben noch Tod ist. In Sura 87 (AI-'A'la, Der Höchste), Vers 11-13 heißt es dazu:

»...der Unseligste, der im großen Feuer schmoren wird und dann darin weder sterben noch leben kann.« Das »Innerste des Herzens< ist der Sitz für die Entscheidung des Einzelnen, ob er den Weg des Glaubens oder den des Unglaubens einschlagen und schlechte Taten begehen will. Darin sehen einige Kommentatoren den Grund, warum das Innerste der Herzen hier besonders erwähnt wird.

Das Feuer Al-Hutuma oder die von ihm ausgehenden Flammen die im achten Vers genannt werden, schlagen über den Verdammten zusammen, so daß sie völlig vom Feuer umgeben und darin eingeschlossen sind. Dies wird auch in Sura 90 (Al-Balad, Die Ortschaft), Vers 20 beschrieben:

»Über die genauere Erklärung der langgestreckten Säulen im letzten Vers dieser Sura sind sich die Kommentatoren nicht ganz einig. Nach einigen sind es Fesseln und Blöcke, in die Füße, Hände oder Nacken gelegt werden, nach anderen Stangen (aus Höllenfeuer), mit denen die Verdammten gepeinigt werden. Am ehesten ist jedoch anzunehmen, daß es sich dabei um die hoch emporschießenden Flammen handelt, die wie Säulen wirken und wie Säulen den Baldachin von Feuer tragen, in dem die Verdammten wie in einem Käfig eingeschlossen sind. Möge uns Allah (t) vor dieser Strafe bewahren!

Lehre

  1. Verleumdung, Krittelei, Lästerung und Schmähung anderer sind tadelnswerte Handlungen, die der Islam verbietet, und all denen, die sie begehen, setzt Allah (t) ein warnendes »Wehe!« entgegen - dies bedeutet, daß sie im Jenseits eine Strafe für diese Handlungen zu erwarten haben, sofern sie diese nicht bereuen und keine Buße dafür tun.
  2. Der Besitz von Vermögen allein ist keine Sünde, aber all denen, die ihr Vermögen horten und es in Geiz und Habgier von der Verwendung für Allah (t) wohlgefällige Zwecke zuruckhalten, gilt ebenfalls dieses drohende »Wehe!« Allahs (t).
  3. Der Glaube, daß nur Reichtum allein alles auf der Welt bedeute, ist falsch. Die »Anbetung« des Götzen Mammon, des Reichtums, die viele Menschen so leben läßt, als seien sie unsterblich, vermag ihren von Allah (t) festgesetzten Todestermin auch nicht nur eine Sekunde hinauszuschieben
  4. Wer eine der beiden oben genannten Sünden begeht und nicht bereut, dessen Strafe im Jenseits besteht darin, daß er in das Höllenfeuer Al-Hutama geworfen wird.

  5. Das von Allah (t) angezündete oder erschaffene Höllenfeuer hat nicht dieselben Eigenschaften wie irgendein Feuer auf der diesseitigen Welt. Es dient dazu, die Verdammten zu bestrafen.

AL-QURAISCH  Sure 106

Übersetzung

Die Qurais (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Wegen der Vorliebe der Quraisch,

2. Ihrer Vorliebe für Reisen im Winter und Sommer,

3. Sollten sie den Herrn dieses Hauses verehren,

4. Der sie gespeist hat gegen Hunger und sie sicher gemacht vor Furcht.
 
 

Kommentar

Diese Sura ist nach allgemeiner Lehrmeinung in Mekka offenbart worden.

Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sura 105 (AL-Fil, Der Elefant), denn Allah (t) macht in dieser 106. Sura Seine Gute und Barmherzigkeit gegenüber dem arabischen Stamm der Qurais deutlich: Er bewirkte ihre Vereinigung und Stärke, indem Er das Heer des Yemeniten Abraha, wie Sura 105 berichtet, vernichtend strafte. Das verwerfliche Vorhaben Abrahas, die Kâ'ba zu zerstören, wurde also nicht nur von Allah (t) vereitelt, sondern führte sogar noch zu Vorteilen für die Qurais: Ihre Rolle als Wächter der Kâ'ba und ihre Stellung auf der arabischen Halbinsel gewannen in den Augen der übrigen Araber an Ansehen, und niemand wagte mehr, sie anzugreifen. Dies hatte auch positive Auswirkungen auf die Handelskarawanen der Qurais.

Auf diese Einheit und Macht der Qurais nehmen die beiden ersten Verse dieser Sura Bezug:

»Für die Vereinigung der Qurais (1), für ihre Vereinigung zur Reise in der Winter- und Sommerkarawane (2) « Aus diesen beiden Versen ergibt sich also, daß Allah (t) mit der Vereitelung des Vorhabens von Abraha auch die Stärkung und Sicherheit Makkas und seiner Einwohner, der Qurais, sowie die ihrer Karawanen zur Winter- und zur Sommer-zeit bezweckt hatte. Im Winter pflegte eine Karawane der Qurais südwärts in den Yemen zu ziehen, weil es dort im Sommer zu heiß war, während eine Karawane im Sommer in den Norden nach Syrien zog, wo es im Winter kühl wurde. Die Einnahmen aus diesen beiden großen Handelskarawanen bildeten die Lebensgrundlage der Qurais; Macht und Ansehen und die daraus resultierende Sicherheit ihrer Karawanen waren also von enormer Bedeutung für sie. Daß Allah (t) den Qurais zu dieser Vormachtstellung verhalf, war ein deutlicher Gnadenbeweis ihnen gegenüber.

Für die Qurais hätte sich nun ein selbstverständliches Dankbarkeitsgefühl gegenüber Allah (t) als dem Spender dieser Wohltat ergeben sollen.

Deshalb heißt es auch im nächsten Vers:

»So sollen sie denn dem Herrn dieses Hauses dienen!« Nachdem Allah (t) in den ersten beiden Versen Seine umfassende Gnade in Erinnerung gerufen hat, besagt dieser Vers also:

»Wenn ihr Mich vorher nicht als den alleinigen und allmächtigen Herrn angebetet und Meinen Geboten nicht gehorcht habt, wollt ihr dann nicht jetzt, da ihr Meine Güte und Barmherzigkeit klar vor Augen habt, Meinen Gesetzen folgen und Mich allein anbeten?« Allah (t) nennt Sich in diesem Vers ,Herr des Hauses« , d. h. Herr der Kâ'ba« .

Betrachten wir zunächst das Wort rabb, das hier mit »Herr« übersetzt wurde. Es ist einer der neunundneunzig Namen Allahs (t), die im Qur'an genannt werden, und hat auch die Bedeutung von »Gebieter«, »Besitzer« , »Eigentümer«, »Leiter«, »Angebeteter« oder »Erhalter« . Betrachtet man dieses Wort U'ter der zuletzt genannten Bedeutung, so weist dieser Ausdruck wiederum hin auf die Errettung der Kâ'ba durch Allah (t), wie sie in Sura 105 geschildert wird. Zum anderen stellt dieser Ausdruck klar, daß es nur einen »Herrn der Kâ'ba« gibt; die Araber verehrten nämlich in der Kâ'ba viele Götzen und Göttinnen. Dieser Vers weist deshalb noch einmal ausdrücklich auf die Tatsache hin, daß es nur einen Herrn gibt, Den man anbeten darf, nämlich Allah (t).

Im letzten Vers dieser Sura heißt es:

„Der ihren Hunger gestillt...hat. Gemeint ist Allah (t), Der den Stamm der Qurais vor Hunger bewahrt hat. Hierzu gibt es zwei Erklärungen: Die eine besagt, daß durch den ungestörten Verlauf der Handelskarawanen der Lebensunterhalt der Qurais gesichert war. In der anderen Erklärung wird auf einen Vorfall Bezug genommen, der sich zwischen den Qurais und dem Propheten Muhammad (a.s.s.) ereignet hatte. Als nämlich die Qurais das Prophetentum Muhammads leugneten und seine Botschaft nicht annehmen wollten, brach eine große Hungersnot infolge einer Dürrezeit aus. Da kamen ihre Anführer zu Muhammad (a.s.s.) und baten ihn, für sie bei Allah (t) Fürsprache einzulegen. Als Muhammad (a.s.s.) dieser Bitte nachgekommen war, ging durch Allahs Nachsicht die Trokkenperiode zu Ende, und die Hungersnot war vorbei.

Im zweiten Teil des letzten Verses lesen wir:

»und sie vor Furcht sicher gemacht hat«.

Auch hierzu gibt es zwei Erklärungen: In der einen heißt es, daß das Freisein von Furcht vor Abrahas Heer und seinen Elefanten gemeint sei. Andere sagen, es handele sich allgemein um ungestörtes Leben in Makka, frei von Furcht und Angst.

Dieser Zustand war im vorislamischen Arabien keineswegs der Normalfall; so war es z. B. üblich, Sklaven zu machen von einzelnen Personen oder sogar Gruppen, die ohne Schutz reisten oder sich außerhalb ihres Wohngebietes begaben, indem sie dann von einer stärkeren Schar eines anderen Stammes überfallen, entführt und in die Sklaverei verkauft wurden. Daß die Einwohner von Makka auch davor sicher waren, darauf nimmt Sura 29 (Al-'Ankabüt, Die Spinne), Vers 67 ausdrücklich Bezug:

»Haben sie (d. h. die Qurais oder die Götzendiener allgemein) denn nicht gesehen, daß Wir (im Gebiet von Makka) einen heiligen Bezirk gemacht haben, der sicher ist, während die Leute in ihrer (d. h. der Qurais) Umgebung geraubt (entführt) werden?«

Da jedoch die Kâ'ba in Makka für alle heidnischen Araber ein gemeinsames Heiligtum und ein Wallfahrtsort war, waren sie sich auch über die Unverletzlichkeit des Gebietes von Makka einig, und Makka war eine Stätte des Friedens und der Sicherheit, so wie es Abraham (a.s.) einst von Allah (t) erbeten hatte.

Lehre

  1. Allah (t) ließ dem arabischen Stamm der Qurais, den Wächtern der Kâ'ba, besondere Wohltaten zukommen.
  2. Der Herr der Kâ'ba ist allein Allah (t).
  3. Der Mensch soll der Wohltaten Allahs (t) gedenken und Allah (t) dafür dankbar sein, indem er sich Ihm in anbetender Verehrung in allen Dingen gehorsam erweist und Ihm dient.
  4. Allah (t) hat Makka als heiligen Bezirk mit vollkommener Sicherheit vorgesehen.

  5. Allah (t) stellt dem Menschen den Lebensunterhalt zur Verfügung, wie Er es für richtig hält

AL-MÃ'UN  Sure 107

Übersetzung

Die Hilfeleistung (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Hast du den nicht gesehen, der die Religion lügenhaft nennt?

2. Das ist der, der die Waise verstößt

3. Und nicht zur Speisung des Armen antreibt.

4. So wehe denen, die Gebete sprechen.

5. Doch ihres Gebetes uneingedenk sind,

6. Die nur gesehen sein wollen

7. Und die kleinen Dienste nicht erweisen.


Kommentar

Diese Sura wurde nach einigen Oberlieferungen in Makka offenbart; andere Qur'an-Kommentatoren gehen davon aus, daß sie in Medina offenbart wurde, und eine dritte Gruppe vertritt die Ansicht, daß die ersten drei Verse in Makka und die restlichen in Medina offenbart worden seien, wir werden darauf an entsprechender Stelle noch zu sprechen kommen.

Im allgemeinen wird diese Sura »Die Unterstützung« genannt; andere Namen sind »Die Religion«, »Das Jüngste Gericht« und »Die Waise«.

Die Anrede im ersten Vers richtet sich einerseits an den Propheten Muhammad (a.s.s.), andererseits an alle Gläubigen. Sie werden von Allah (t) gefragt :

»Hast du den gesehen, der die Religion leugnet?« Und das bedeutet: Weißt du, wer derjenige ist, der die Religion leugnet und die unumschränkte Herrscherstellung Allahs abstreitet?

Dieser Vers kann nach anderen Qur'an-Kommentatoren aber auch so übersetzt werden:

»Hast du den gesehen, der das Jüngste Gericht leugnet?« Das arabische Wort din hat zwar die Grundbedeutung »Religion«, wird aber im Qur'an häufig auch im Sinne von »Jüngstes Gericht«, »Lohn und Strafe« und Auferstehung« verwendet.

Allah (t) stellt zu Beginn der Sura diese Frage, weil Er in den folgenden Versen die Eigenschaften des wahren Glaubens herausstellen will. Die nächsten Verse beschäftigen sich deshalb mit dem Tun, das einen aufrichtigen Gläubigen kennzeichnet, und zwar auf die Weise, daß das Unterlassen dieses Tuns als »Leugnen der Religion« bezeichnet wird. Denn der Islam ist keine Religion der bloßen Äußerungen von Worten oder der Ausübung religiöser Bräuche; vielmehr machen Aufrichtigkeit gegenüber Allah (t) und das ständige Bewußtsein, daß Allah (t) alle Taten sieht, sowie ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl - gegenüber sich selbst als auch gegenüber seinen Mitmenschen in allen Lebens- lagen - die echte Glaubensgrundlage eines wirklichen Muslims aus. Dieses Verständnis des Glaubens ist es, das die Herzen läutert und zu Allah (t) führt und ein angenehmes, gottgefälliges Leben sowie ein friedvolles Zusammensein aller Menschen ermöglicht.

Die erste Antwort, die Allah (t) auf die eingangs gestellte Frage gibt, lautet im Vers 2:

»Das ist der, der die Waise wegstößt.« Wir erfahren hier also, daß jemand, der eine Waise abweist und vertreibt bzw. hart und grob behandelt und ihr nicht ihr Recht zukommen läßt, das eigentliche Wesen des Islam, nämlich Hilfsbereitschaft und Gute gegenüber jedermann - Muslim oder Nichtmuslim, insbesondere aber gegenüber dem Bedürftigen - nicht verstanden hat und durch sein schlechtes Verhalten »die Religion verleugnet«. Wir erkennen also in diesem Vers, daß schöne Worte ohne Taten nichts nutzen. Entsprechend heißt es auch in der 61. Sura (As-Saff, Die Reihe), Vers 2:

„O ihr, die ihr glaubt, warum sprecht ihr, was ihr nicht tut?«

Ein Muslim ist also aufgefordert, Gutes zu tun und gütig gegenüber seinen Mitmenschen zu sein.

Im nächsten Vers dieser Sura heißt es:

»und nicht zur Speisung des Armen anspornt«.

Hier wird eine weitere Gruppe von Menschen angesprochen, die »die Religion leugnen«. Es handelt sich um jene, die aus reinem Geiz sich weder durch Taten noch durch Worte für die Speisung bedürftiger Menschen einsetzen und weder sich selbst noch andere zur Ausübung dieser islamischen Vorschrift anhalten. Auch in dieser negativen Verhaltensweise kommt zum Ausdruck, daß sich jene nicht bewußt sind, daß sie für all ihr Tun in ihrem Leben am Jüngsten Tag zur Rechenschaft gezogen werden. Insofern leugnen sie also nicht nur die Religion, sondern auch das Jüngste Gericht.

In den nächsten beiden Versen wendet sich Allah (t) einer anderen Gruppe von Menschen zu:

„Wehe den Betenden, die auf ihr Gebet nicht achten!< Angesprochen sind diejenigen, die zwar äußerlich beten, d. h. die Gebetsbewegungen vollziehen, innerlich aber das Gebet nicht verrichten, weil sie mit ihren Gedanken woanders sind, und diejenigen, die die vorgeschriebenen Gebetszeiten nicht einhalten oder die Gebetsbewegungen unvollständig bzw. nachlässig verrichten.

Einem Hadit zufolge, der von Al-Buhari und Muslim überliefert wird, sagte der Prophet Muhammad (a.s.s.):

»Das ist das Gebet des Heuchlers, das ist das Gebet des Heuchlers, das ist das Gebet des Heuchlers; er sitzt und betrachtet die Sonne, bis sie zwischen den Hörnern des Teufels steht; dann steht er auf und führt vier Rak'as aus und gedenkt Allahs (t) nur äußerst wenig.« Gemeint ist in diesem Hadit das Nachmittagsgebet, und als Heuchler wird also derjenige bezeichnet, der die Verrichtung dieses Gebets ab-sichtlich so lange hinauszögert, bis die Sonne kurz vor ihrem Untergang steht. In diesem Zeit-abschnitt ist das Verrichten von Gebeten verwerflich und soll vermieden werden; es ist die »Zeit des Teufels« . Wer zu diesem Zeitpunkt sein Gebet in Eile verrichtet, obwohl er vorher zum Beten Gelegenheit hatte, kann sich nicht ordnungsgemäß auf das Gebet konzentrieren und Allahs (t) nicht ausreichend gedenken. Allah (t) droht denjenigen, die achtlos und nachlässig in der Gebetsverrichtung sind, schwere Strafe an:

»Wehe den Betenden, die auf ihr Gebet nicht achten! « Das Wort wail bedeutet »Wehe! «, »Unheil«, »Untergang«, aber auch »Strafe«, »Schande« Oder ewige Verdammnis. Einige Kommentatoren verstehen unter wail auch ein Tal der Hölle.

Im nächsten Vers heißt es:

„die (nur) gesehen werden wollen«.

Dieser Vers knüpft an die beiden vorangegangenen Verse an, d. h., Allah (t) verkündet auch denen Bestrafung, die nur deshalb handeln, da-mit es die Leute sehen und um bei ihnen einen guten Ruf zu erlangen. Solche Menschen verrichten z. B. das Gebet nur, damit die anderen von ihnen glauben, sie seien gute und fromme Muslime. In Wirklichkeit haben sie aber keine ehrliche innere Absicht gegenüber Allah (t). Sie vergessen dabei oder leugnen sogar, daß Allah (t) in ihre Herzen blicken kann und ihre wahre Ab-sichten kennt. Diese Menschen wollen also durch ihr Handeln nicht die Zufriedenheit Allahs (t) und Seine Gnade, sondern in erster Linie das Wohlwollen ihrer Mitmenschen erlangen. Dieses heuchlerische Denken ist dem Islam jedoch fremd. Der Muslim tut alles, um zunächst das Wohlgefallen Allahs (t) zu erreichen. Der Muslim ist sich ferner zu jeder Zeit bewußt, daß er für alles, was er in dieser Welt tut, beim Jüngsten Tag von Allah (t) zur Verantwortung gezogen wird.

Einige Qur'an-Kommentatoren, die die Meinung vertreten, die letzten vier Verse dieser Sura seien in Medina offenbart worden, begründen dies mit der in Vers 4 erwähnten Heuchelei im Gebet: In Makka wurden die Muslime von ihren heidnischen Mitbürgern unterdrückt, bedrängt und verfolgt. Es gab unter ihnen noch keine Heuchler wie später in Medina, denn ein Heuchler hätte in Makka keinen Vorteil durch seine Verstellung erlangt, sondern nur Schaden. Dagegen erhofften sich die Heuchler im Staat der Muslime in Medina durch ihre Verstellung materielle Vorteile von seiten der Muslime.

Gegen diese Meinung spricht, daß mit »den Betenden« nicht nur die Muslime gemeint sein können, sondern auch allgemein die Menschen oder die Götzendiener in ihrem heidnischen Gebet, deren Heuchelei beim Gottesdienst den Muslimen als negatives Beispiel dienen soll: Also können diese Verse ebenso wie die drei ersten dieser Sura in Makka offenbart worden sein.

Betrachten wir nun den letzten Vers dieser Sura. In ihm heißt es:

»und die Unterstützung verweigern«, d. h., »wehe denen, die die Unterstützung verweigern«. Hier wird ein weiterer Prüfstein des Glaubens angesprochen. Ein gläubiger Muslim ist verpflichtet, Gefälligkeiten zu erweisen, freundlich zu sein und nach seinen Möglichkeiten Almosen zu geben sowie die von Allah (t) erlassenen Vorschriften in bester Weise und nach bestem Können einzuhalten. Für das Wort mâun, » Unterstützung «, werden von den Qur'an - Kommentatoren viele Bedeutungen überliefert.

Einige verstehen darunter die Zakat, d. h. die vorgeschriebene Vermögensabgabe; andere sehen hier die Verpflichtung, Bedürftigen auf deren Anfrage Darlehen zu gewähren. Weitere Oberlieferungen sprechen vom Ausleihen täglicher Gebrauchsgegenstände oder der Unterstützung der Mitmenschen und der Hilfe unterein- ander schlechthin. Schließlich wird die Meinung vertreten, es handele sich um den Gehorsam im allgemeinen, der von einem Muslim gefordert wird.

In dieser Sura werden also Aufrichtigkeit und Gehorsam gegenüber Allah (t) und Unterstützung und Hilfsbereitschaft der Menschen unter- einander als Glaubensgrundlagen des Islam besonders hervorgehoben. Diese beiden Dinge sind es, die die Herzen läutern, einen edlen Charakter hervorbringen und ein Leben in Zufriedenheit und Sorglosigkeit ermöglichen. Möge Allah (t) uns helfen, diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen!

Lehre

  1. In dieser Sura werden Eigenschaften des wahren Glaubens dargestellt.
  2. Der Islam ist keine Religion der bloßen Worte, sondern eine Religion der Taten.
  3. Ein Hauptanliegen des Islam, die Unterstützung der Menschen untereinander, zeigt sich auch in der guten Behandlung von Waisen.
  4. Die Speisung von Armen und Bedürftigen ist im Islam eine Pflicht.
  5. )Ein Muslim muß auf die ordnungsgemäße Verrichtung seiner Gebete und die Einhaltung ihrer vorgeschriebenen Zeiten achten .
  6. Achtlosigkeit und Nachlässigkeit im Gebet werden von Allah (t) unter Strafandrohung gestellt, und Pünktlichkeit und Demut wer- den belohnt.
  7. Augendienerei ist eine Art von Heuchelei und im Islam verboten.
  8. Aufrichtigkeit und Gehorsam gegenüber Allah (t) kennzeichnen einen gläubigen Muslim.
  9. Ein Muslim verrichtet all seine Taten in erster Linie, um das Wohlgefallen Allahs (t) zu erlangen.
  10. Die genannten Eigenschaften läutern die Herzen der Menschen, bringen einen edlen Charakter hervor und ermöglichen somit ein Zusammenleben in Zufriedenheit und Sorglosigkeit.

  11. Wer die genannten Eigenschaften des wahren Glaubens nicht besitzt, wird als »Leugner der Religion« bezeichnet.

AL-KAUTHAR  Sure 108

Übersetzung

Die Überfälle (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Wahrlich, Wir haben dir Fülle des Guten gegeben;

2. So bete zu deinem lierm und opfere.

3. Fürwahr, es ist dein Feind, der ohne Nachkommenschaft sein soll.


Kommentar

Nach überwiegender Meinung ist diese Sura mekkanisch; einige Gelehrte sind jedoch der Meinung, daß diese drei Verse in Medina offenbart worden seien.

Diese Sura wurde offenbart, als die Feinde des Islam und die Widersacher des Propheten Muhammad (a.s.s.) versuchten, die Verbreitung des Islam in Makka zu verhindern. Zu ihnen gehörten vor allem Al-'Ãs ibn Wã'il, Abu Lahab und Abu Gahl. Als die männlichen Kinder des Propheten Muhammad (a.s.s.) gestorben waren, nahmen Seine Gegner dies zum Anlaß, den Propheten und den Islam zu verspotten, indem sie verkündeten, Muhammad (a.s.s.) sei ohne Nachkommen, also sozusagen von männlichen Erben abgeschnitten. Einer von ihnen behauptete so-gar, so würde auch die Botschaft des Propheten (a.s.s.) sterben und die ganze Angelegenheit in Vergessenheit geraten. Um den Propheten (a.s.s.) in dieser schweren Situation zu stärken, offenbarte Allah (t) diese Sura.

Im ersten Vers weist Allah (t) auf Seine Großzügigkeit und Gnade hin, indem Er sagt:

„Wir haben dir die Überfülle gegeben.

Der Prophet Muhammad (a.s.s.) soll nicht traurig sein über den Tod seiner Söhne, denn Allah (t) hat ihm etwas gegeben, was alle Zeiten überdauert, was im arabischen Text mit al-kautar bezeichnet wird.

Dieses Wort bezeichnet zunächst »das Reichliche« und umschreibt in diesem Zusammenhang die umfangreiche Gnadenfülle Allahs (t) gegenüber Seinem Gesandten (a.s.s.). Entsprechend sind von den Qur'an-Kommentatoren viele Bedeutungsmöglichkeiten für das Wort al-kautar überliefert: das Prophetentum, der Qur'an, die Auslegung des Qur'an und die Milde der islamischen Gesetzgebung, die Menge der Gefährten und die große Gemeinschaft der Muslime, die brüderliche Nächstenliebe im Islam, der Islam an sich, die Erleuchtung der Herzen, die fünf Pflichtgebete u. a. Ferner wird in vielen Hadit uberliefert, daß Al-Kautar der Name eines Flusses im Paradies sei. In allen Fällen drückt sich jedenfalls die Güte Allahs (t) aus, dem Propheten Muhammad (a.s.s.) und den Gläubigen nur das Beste zukommen zu lassen, und zwar nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits nach dem Jüngsten Gericht.

Nachdem Allah (t) die Unermeßlichkeit Seiner Gnadenfülle dargelegt hat, weist Er im folgen-den Vers darauf hin, daß als Zeichen der Dankbarkeit und des demütigen Gehorsams die Gebete und die Opfergaben allein für Ihn verrichtet werden dürfen. Denn zur Zeit des Propheten Muhammad (a.s.s.) gab es viele Menschen, die neben Allah (t) andere Götter anbeteten und ihren Götzen Opfer darbrachten. Deshalb sagt Allah (t) in diesem Vers:

»Darum bete zu deinem Herrn und opfere!.«

Gefordert werden hier also die aufrichtige Ergebenheit und Zuwendung zu dem einen Herrn der Schöpfung, zu Allah (t). Jegliche Anbetung und Verehrung außer der Allahs (t) ist mit der Lehre des Islam nicht zu vereinbaren. (Siehe hierzu den ausführlichen Kommentar zu Sura 112.)

Im letzten Vers dieser Sura heißt es:

»Ja, dein Hasser, er ist es, der abgeschnitten (ohne Nachkommenschaft) ist.« Dieser Vers nimmt auf die eingangs geschilderten Ereignisse Bezug. Nachdem Allah (t) schon im ersten Vers versprochen hat, daß dem Propheten Muhammad (a.s.s.) entgegen jener Verspottung in Wirklichkeit das Beste in Hülle und Fülle gegeben wird, offenbart dieser Vers noch eine zusätzliche Aussage über die Spötter:

»Ja, dein Hasser, er ist es, der abgeschnitten ist.« Von der arabischen Sprache her bedeutet abtar zunächst soviel wie »abgeschnitten, gestützt«. Wer keine männlichen Nachkommen besaß, galt damit für die Nachwelt als abgetrennt, als abgeschnitten«. Im weiteren Sinne bedeutet also abtar auch »ohne Nachkommen und schließlich ganz allgemein »abgeschnitten von jedem Wohl im Diesseits und im Jenseits«.

Dieser Vers besagt demnach, daß derjenige, der den Propheten (a.s.s.) haßt und verspottet, am Ende selbst keinen Erfolg und keinen Lohn haben und ohne Nachkommen und ohne Anhänger seiner Irrlehre sein wird. Diese Prophezeiung ist ja später auch auf eindrucksvolle Weise in Erfüllung gegangen: Der Islam ist siegreich geblieben, und bis zum heutigen Tag ist die Gemeinschaft der Muslime immer größer geworden. Denn der Islam ist die Religion der Wahrheit und des Guten und wird von Allah (t) beschützt und kann deswegen auch nicht untergehen, sondern widersteht vielmehr allen Widersachern zu allen Zeiten. Und während der Prophet Muhammad (a.s.s.) bis heute verehrt wird, sind die Namen seiner Widersacher und ihre Lehren wie Schall und Rauch vergangen, und niemand gedenkt ihrer mehr. In diesem Sinne sind sie »abgeschnitten« - nämlich vom Weiterbestehen ihres Erbes in der Zukunft, weil sie keine Nachkommen bzw. Nachfolger haben. Und ebenso sind ihre Götzen in Vergessenheit geraten, während Allah (t) heute von fast einer Milliarde Muslime in aller Welt angebetet wird.

Wie bereits erwähnt, bezieht sich dieses »Abgeschnittensein« der »Hasser« aber nicht nur auf die diesseitige, sondern auch auf die jenseitige Welt - dieser Vers beinhaltet also auch eine Strafandrohung Allahs (t) für die Spötter und Gegner des Islam für das Leben im Jenseits. Möge Allah (t) uns vor dieser Strafe bewahren und uns gnädig das Beste in ausreichender Menge geben!

AL-KÃFERUN  Sure 109

Übersetzung

Die Ungläubigen (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Sprich ; "O ihr Ungläubigen !1. Wahrlich, Wir haben dir Fülle des Guten gegeben;

2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,2. So bete zu deinem lierm und opfere.

3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.

4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;

5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.

6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube."
 


Kommentar

Diese Sura wurde nach überwiegender Meinung der Qur'an-Gelehrten in Makka offenbart.

Sie ist von besonderer Bedeutung; dies kommt in mehreren Aussprüchen des Propheten Muhammad (a.s.s.) zum Ausdruck, in denen er empfiehlt, diese Sura vor dem Einschlafen zu rezitieren.

Offenbart wurde diese Sura, als die Ungläubigen in Makka dem Propheten Muhammad (a.s.s.) einen Kompromiß vorschlugen: Wenn der Prophet (a.s.s.) bereit sei, ihre Götzen ein Jahr lang anzubeten, dann wollten sie ihrerseits Allah (t) ein Jahr lang anbeten. Die ungläubigen Mekkaner stellten nämlich keineswegs die Existenz Allahs (t) in Frage - sie machten sich jedoch völlig falsche Vorstellungen von Ihm, indem sie Seine Einheit und Einzigkeit bestritten, Ihm andere Götter zur Seite stellten und annahmen, daß die Engel Töchter Allahs (t) seien. Andererseits glaubten sie aber daran, daß Allah (t) die Himmel und die Erde erschaffen hat, schwörten bei Allah und riefen Ihn in ihren Gebeten mit Seinem Namen an. So heißt es z. B. im 61. Vers der Sura 29 (Al-' Ankabut, Die Spinne):

»Und wenn du sie fragst, wer die Himmel und die Erde erschaffen und die Sonne und den Mond dienstbar gemacht habe, dann sagen sie gewiß: »Allah«.In ihrer Handlungsweise waren die Mekkaner dann jedoch inkonsequent und opferten nicht nur Allah (t), sondern brachten auch ihren Götzen Opfer dar - Sachwerte und sogar Menschenopfer, um sie gnädig zu stimmen. Dazu lesen wir in Sura 6 (AI-' An'am, Das Vieh), Vers 136:

»Und sie haben Allah einen Anteil bestimmt von dem, was Er an Saat und Vieh hat wachsen las- sen. Und sie sagen: »Dies ist für Allah« - in ihrer Meinung - »und dies für unsere Teilhaber« (d. h. ihre Götzen).

Diese Handlungsweise hielten sie für richtig und für die Lehre Abrahams (a.s.); sie glaubten, daß sie rechtgeleitet seien und daß ihre Gottesverehrung besser sei als die der Juden und Christen, die die Propheten Esra (a.s.) bzw. Jesus (a.s.) als Söhne Allahs (t) betrachteten. Dabei verstanden sie nicht, daß jede Zuschreibung von Partnern bei der Herrscherstellung Allahs (t) gleich falsch und verwerflich ist. Sie verbargen die einzige Wahrheit, daß Allah (t) alleinig, einzig und unvergleichlich ist, und lehnten sich damit als Ungläubige gegen die wahre Religion Allahs (t) auf. Dies nennt man im Islam Kufr (Unglaube), und wer Kufr begeht, heißt Kâfir (Ungläubiger).

Wie das Beispiel der »ungläubigen« Mekkaner zeigt, bezeichnet der Begriff Kãfir, »Ungläubger«, also keineswegs nur denjenigen, der völlig ohne Glauben ist, also - wie man heute sagen würde - einen Atheisten, sondern er meint auch denjenigen, der zwar einen Glauben besitzt, sich damit aber im Irrtum befindet; man könnte einen Ungläubigen in diesem Sinne also auch als einen »Irrgläubigen« bezeichnen.

versuchten die Ungläubigen Mekkas, seine wahre Lehre und ihre Irrlehre in Einklang zu bringen und machten den bereits erwähnten Vorschlag, Muhammad (a.s.s.) solle sich vor ihren Götzen niederwerfen, dann würden sie sich vor Allah (t) niederwerfen. Dieser absurden und lächerlichen Idee wird in dieser Sura eine eindeutige Absage erteilt, denn der Islam läßt keine faulen Kompromisse zu: Er ist ein gerader Weg ohne Kniffe und Tricks.

Im ersten Vers wird der Prophet Muhammad (a.s.s.) aufgefordert, den Ungläubigen die Antwort Allahs (t) auf ihr Ansinnen zu geben:

»Sprich: O ihr Ungläubigen«

Die Mekkaner werden, wie bereits dargelegt, als Ungläubige bezeichnet, weil sie sich der wahren Religion Allahs (t) gegenüber ohne Glauben und damit auch undankbar gegenüber Allah (t) zeigen; sie sind somit vor Allah (t) keine Gläubigen sondern Ungläubige.

Diese Sura wendet sich jedoch nicht nur an die ungläubigen Mekaner, aus deren Anlaß sie offenbart wurde, sondern in ihr werden alle Ungläubigen angesprochen, in welchem Zeitalter und wo auch immer sie leben mögen. Der Befehl »Sprich!« bringt zum Ausdruck, daß die folgende Rede nicht Muhammads eigene Worte sind, sondern daß es sich dabei um eine Offenbarung Allahs (t) handelt, die der Prophet (a.s.s.) verkündigen soll.

Die Verkündigung beginnt also mit den Worten:

»O ihr Ungläubigen!«

Beachtenswert dabei ist, daß es hier »O ihr Ungläubigen!« heißt und nicht, wie die Anrede im Qur'an sonst im allgemeinen heißt: »O ihr, die ihr ungläubig seid!« Die Bezeichnung eines Menschen mit einer Eigenschaft ist nämlich nachdrücklicher und bekräftigender als die Beschreibung durch eine Tätigkeit oder durch einen Zustand. In diesem Vers kommt also zum Ausdruck, daß den Angesprochenen ihr Unglaube ohne Zweifel fest anhaftet und sie sich von ihm nicht abwenden wollen.

Im nächsten Vers beginnt die eigentliche Antwort und Zurückweisung:

»Ich verehre nicht, was ihr verehrt.« D. h., ein Gläubiger betet nicht an, was ein Ungläubiger anbetet, und gehorcht im Gegensatz zu den Ungläubigen niemandem außer Allah allein und Seinen Gesetzen; Der, Den ein wahrer Gläubiger anbetet, ist also nicht identisch mit dem, was die Ungläubigen anbeten.

Viele Qur'an-Kommentatoren sind der Meinung, daß dieser Vers bezüglich der Zeit allgemein zu verstehen sei und den Charakter andauernder Ausschließlichkeit besitze; er hat demnach auch die Bedeutung:

»Ich werde nie anbeten, was ihr anbetet.«

Entsprechend wird auch der dritte Vers verstanden:

»Ihr seid nicht Verehrer dessen, was ich verehre«, d. h., »ihr werdet nie bereit sein, euch meiner wahren Verehrung des einzigen und alleinigen Gottes anzuschließen.«

In den nächsten Versen wird die in den beiden vorausgegangenen festgestellte Haltung auf die Vergangenheit ausgedehnt:

»Und ich bin nicht Verehrer dessen, was ihr verehrt habt, und ihr seid nicht Verehrer dessen, was ich verehre«, denn der Prophet Muhammad (a.s.s.) hatte schon vor seinem Prophetentum, und zwar bereits als junger Mann, eine ausgeprägte Abneigung gegen den heidnischen Gottesdienst der Mekkaner und verehrte nur den einen wahren Gott. Es gibt zu diesen Versen auch noch andere Interpretationen. So betrachten einige Qur'an-Kommentatoren den zweiten und dritten Vers als Bezug auf die Gegenwart bzw. die Vergangenheit und den vierten und fünften Vers als Bezug auf die Zukunft, also der obigen Meinung entgegen-gesetzt; die Gesamtbedeutung entspricht jedoch, wie man sieht, der obigen Auffassung. Andere Kommentatoren verstehen den vierten und fünften Vers als nachdrückliche Bestätigung der zwei vorhergehenden Verse; die Wichtigkeit der Aussage soll also durch dieses rhetorische Mittel der Wiederholung besonders hervorgehoben werden. Und eine weitere Erklärung besagt, daß im zweiten Vers - »ich verehre nicht, was ihr verehrt« - die Ausübung des Götzendienstes abgelehnt werde, während durch den vierten Vers - »und ich bin nicht Verehrer dessen, was ihr verehrt« - das Götzentum als solches als schlecht und als nicht vereinbar mit dem Gottesbegriff des Islam dargestellt werde.

Im letzten Vers dieser Sura heißt es:

»Ihr habt eure Religion, und ich habe die meine« Nachdem wir in den vorausgegangenen Versen erfahren haben, daß sich der Gottesbegriff der Gläubigen von dem der Ungläubigen unterscheidet und deshalb auch eine verschiedenartige Anbetung und Verehrung vorliegt, wird nun noch einmal zusammenfassend bestätigt, daß die Reli-gion der Makkaner, die Religion des Unglaubens, von der dem Propheten Muhammad (a.s.s.) von Allah (t) offenbarten Religion des Islam grundverschieden ist. Unglaube und wahrer Glaube werden hier einander gegenübergestellt. Einige Qur'an-Kommentatoren erklären diesen Vers auch mit folgender Bedeutung:

»Ihr bekommt euren Lohn (nämlich das Höllenfeuer als Strafe), und ich bekomme meinen Lohn (nämlich das Paradies als Belohnung). Es gibt also nichts Gemeinsames zwischen dem Propheten Muhammad (a.s.s.) sowie denen, die ihm folgen, und den ungläubigen Mekkanern sowie denen, die ihnen folgen. Der Islam ist ein Weg, und zwar der gerade Weg zum Heil; jede andere Religion ist ein anderer Weg, und zwar ein Irrweg, auch wenn er manchmal Heil bringen mag. Und jeder Irrweg ist nicht gleich der Wahrheit des geraden Weges des Islam: Es ist dem-nach für einen Muslim unmöglich, auch nur einen Schritt auf dem Weg des Unglaubens zu tun; denn entweder beschreitet man den Weg des Glaubens ganz, oder man befindet sich in der Irre. Es gibt deshalb auch keine Religion, auch wenn sie der Wahrheit des Islam nahekommt oder mit ihm einiges gemeinsam hat, mit der man Kompromisse schließen kann. Es gibt nur den Islam in seiner Gesamtheit unter ausnahmsloser Anerkennung all seiner grundlegenden Regeln auf der einen Seite und Abweichen vom rechten Weg auf der anderen Seite, also: alles oder nichts!

Diese Sura hat gerade in der heutigen Zeit ihre besondere Bedeutung, in der so oft vom Dialog zwischen den Religionen die Rede ist, insbesondere zwischen Christentum und Islam. Wir Muslime bringen dem Propheten Jesus (a.s.), den Muhammad (a.s.s.) »seinen Bruder« nannte, aufgrund der qur'ânischen Aussagen über ihn größte Hochachtung entgegen, und der Glaube an ihn und an das ihm von Allah (t) offenbarte Buch, das Evangelium in seiner ursprünglichen Form, ist verbindlicher Bestandteil des islamischen Glaubens. So heißt es in Sura 2 (Al-Baqara, Die Kuh), Vers 135 und 136:

»Und sie sagen: Ihr müßt Juden oder Christen sein, dann seid ihr rechtgeleitet. Sprich: Nein, für uns gibt es nur die Religion Abrahams; er war keiner von denen, (die Allah) andere Götter zur Seite stellen. »Sprich: Wir glauben an Allah und (an das), was (als Offenbarung) zu uns und was zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen (Israels) herabgesandt worden ist, und was Mose und Jesus und die Propheten von ihrem Herrn erhalten haben, ohne daß wir bei einem von ihnen (den anderen gegenüber) einen Unterschied machen. Ihm sind wir ergeben (muslimun)<.

Deswegen kann ein Dialog mit anderen Religionen - so begrüßenswert er ist - jedoch nicht heißen, daß ein Muslim auch nur um Haares- breite von den im Qur'an dargelegten Wahrheiten und den Gesetzen des Islam abweicht, denn dies wäre, wie wir gesehen haben, Kufr, Unglaube.

Ebenso ist die Einteilung der Muslime in »altmodische Fundamentalisten« oder »Konservative« einerseits und »aufgeschlossene Modernisten« andererseits aufgrund des Wesens des Islam eine Unmöglichkeit, und eine derartige Unterscheidung zeugt entweder von mangelnder Kenntnis der grundlegenden islamischen Glaubenslehren oder aber von der Verleugnung der einen wahren Religion Allahs (t)- denn entweder ist man Muslim und hält sich an die »Fundamente« seiner Religion, oder man hält sich nicht an sie und wird damit zum Sünder oder gar zum Ungläubigen. Da der Islam als Religion und Lebensweise unverändert geeignet ist für alle

Völker und alle Zeiten, ist es anmaßend und unsinnig, an diese Religion Maßstäbe und Werte wie »konservativ« oder »modern«, »fundamental« oder »aufgeschlossen« anzulegen - Begriffe, die einer ganz anderen Welt mit anderen Normen entstammen. Jeder, der aufrichtigen Herzens Muslim sein will, muß sich daher freimachen von allen Bräuchen, Gewohnheiten, Vorstellungen und Ideen, die dem Wesen des Islam entgegenstehen. Und wer neu zum Islam über-tritt, muß bereit sein, seine frühere Religion mit allem, was dazu gehört, aufzugeben und sich von ihren Vorstellungen innerlich zu lösen, um den Islam als Ganzes anzunehmen, mit allem, was zu ihm gehört; denn der Muslim hat seine Religion, die Religion Allahs (t), und die anderen haben ihre, eine andere Religion, die unser Schöpfer, erhaben ist Er, unmißverständlich verworfen hat.

Lehre

  1. Diese Sura wurde offenbart, als die ungläubigen Mekkaner dem Propheten (a.s.s.) vorschlugen, ihre verschiedenartigen Religionen zu vereinen. Diese Sura enthält die ablehnende Antwort.
  2. Wer Allah (t) nicht als alleinigen und in Sich einen Gott anbetet, ist vor Allah (t) ein Ungläubiger.
  3. Eine andere Religion an sich und deren Ausübung sind mit dem Wesen des Islam unvereinbar.
  4. Eine Verflechtung, auch teilweise, des Islam mit einer anderen Religion ist nicht möglich.

  5. Der Islam ist immer als Ganzes und als Einheit zu sehen; seine Normen bilden ein System, das alle Bereiche des Lebens umfaßt, das für alle Zeiten gilt und das unteilbar ist

AL-NASR  Sure 110

Übersetzung

Die Hilfe (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Wenn Allahs HiIfe kommt und der Sieg

2. Und du die Mensehen scharenweise in die Religion Allahs eintreten siehst,

3. Dann lobpreise du deinen Herrn und bitte Ihn um Vergebung Wahrlich, Er wendet Sich oft mit Gnade.


Kommentar

Einer Oberlieferung zufolge berichtete Ibn 'Umar ®, der Sohn 'Umars ®, des zweiten Kalifen, daß diese Sura dem Propheten Muhammad (a.s.s.) während seiner Pilgerreise im Jahre 9 n. H. in Mina, einem Ort in der Nähe von Makka, offenbart worden sei und daß der Prophet (a.s.s.) dadurch erfahren habe, daß es sich um seine letzte Pilgerreise handele, da er nun bald sterben werde.

Viele Oberlieferer meinen jedoch, diese Sura sei erst nach der Rückkehr von der erwähnten Pilgerreise in Medina offenbart worden. Wie dem auch sei - da sie nach der Hicra offenbart wurde, wird sie allgemein den in Medina offenbarten Suren zugerechnet.

In einem Hadit der von Al-Buhâri überliefert wird, fragte 'Umar ® Ibn 'Abbas ® nach der Interpretation dieser Sura, worauf dieser antwortete:

»Es handelt sich um den Zeitpunkt des Todes des Gesandten Allahs (a.s.s.), den Er ihn wissen ließ, indem Er sagte: »Wenn die Hilfe Allahs kommt und der Sieg - (und dies ist das Zeichen deines nahen Todes) - dann lobpreise deinen Herrn und bitte Ihn um Vergebung! Er ist ja bereit zu verzeihen!« Und nach einer Überlieferung von Ahmad sagte der Prophet Muhammad selbst nach der Offenbarung dieser Sura, daß Allah (t) ihm dadurch seinen nahen Tod angekündigt habe. Diese Sura wird deshalb auch »Abschiedssura« genannt. Knapp drei Monate nach Offenbarung dieser Sura, im dritten Monat des Jahres 10 d. H., starb der Prophet (a.s.s.) in Medina.

Der erste Vers dieser Sura heißt:

»Wenn die Hilfe Allahs kommt und der Sieg«.

Während einige Qur'an-Kommentatoren meinen, dieser Vers sei lediglich allgemein zu verstehen und stehe in keinem speziellen Zusammenhang mit einem bestimmten historischen Ereignis, beziehen viele Kommentatoren diesen Vers auf das Ereignis im Monat Ramadan des Jahres 8 n. H., als der Prophet (a.s.s.) mit einem starken Heer nach Makka zog und die Stadt ohne Blut- vergießen einnahm. Dieser Sieg über die Ungläubigen des Stammes der Qurais, dem der Prophet selbst angehörte, der ihm aber seit Beginn seines Prophetentums feindlich gesonnen war und ihn und die Muslime aufs bitterste bekämpft hatte, war nur möglich durch die Hilfe Allahs (t). Aus diesem Grund wird im Vers auch zuerst die Hilfe Allahs genannt, weil sie die Voraussetzung für den darauf erwähnten Sieg war. Diese Interpretation wird auch gestützt durch einen bei Al-Buhâri überlieferten Hadit in dem berichtet wird, daß die arabischen Stämme mit ihrem Obertritt zum Islam bis zur Einnahme Mekkas durch Muhammad (a.s.s.) warteten und sagten:

»Wenn er sein Volk besiegt, dann ist er gewiß ein Prophet.«

Als der Prophet (a.s.s.) nun Makka kampflos eingenommen hatte, traten sie in Scharen zum Islam über, wie es im zweiten Vers dieser Sura erwähnt wird, und dieses Ereignis der Einnahme Mekkas und des darauffolgenden Obertritts vieler Menschen zum Islam war für den Propheten Muhammad (a.s.s.) das Zeichen, daß seine Aufgabe annähernd erfüllt sei und daß er nun mit seinem baldigen Tod zu rechnen habe. Aus den ersten Versen dieser Sura lernen wir auch, daß die Hilfe Allahs (t) kommt, wann Er es für richtig hält, und in einer Weise, wie Er sie will, und daß der Sieg nicht ein Verdienst des Menschen ist, sondern durch die gewollte Hilfe Allahs (t) herbeigeführt wird.

Im zweiten Vers lesen wir:

»und du die Menschen zur Religion Allahs in Scharen übertreten siehst«.

Unter der »Religion Allahs« ist der Islam zu verstehen, denn, wie es in der dritten Sura (Al- Imran, Die Familie Imrans) im 19. Vers heißt:

>Die Religion bei Allah ist der Islam..

Wie wir bereits gesehen haben, war die Einnahme Mekkas durch den Propheten Muhammad (a.s.s.) ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Islam. Während vor jenem Ereignis der Prophet (a.s.s.) und die Muslime verhöhnt, verfolgt und bekämpft worden waren und nur verhältnismäßig wenige Menschen ganz vereinzelt zum Islam übergetreten waren, nahmen nun außer den Qurais auch andere arabische Stämme geschlossen den Islam an, und innerhalb von zwei Jahren verbreitete sich diese Religion über die gesamte arabische Halbinsel und dann auch über ihre Grenzen hinaus. Nach einem Hadit den Ahmad überlieferte, erzählte Gâbir ibn Abdullah ® weinend, daß ihm der Prophet (a.s.s.) gesagt habe:

»Fürwahr, die Menschen sind in Scharen zum Islam übergetreten, und sie werden ihn in Scharen verlassen.«

Der bedauerliche Verlauf der Geschichte bestätigt diesen Ausspruch.

Im dritten und letzten Vers heißt es:

»dann lobpreise deinen Herrn und bitte ihn um Vergebung! Er ist ja bereit zu verzeihen.« Gemeint ist also:

»Lobpreise deinen Herrn, und bitte ihn um Vergebung, wenn die Hilfe Allahs eintrifft.« In einem Hadit der von Al-Buhâri, Muslim, An-Nasâ'i, Abu Dâwud und Ibn Mâga überliefert wird, berichtet 'A'isa ®, die Frau des Propheten (a.s.s.), daß der Gesandte Allahs im Ruku' und Sugûd seiner Gebete Allah (t) häufig lobpries und Ihn oft um Vergebung bat. Und bei Muslim und Ahmad heißt es in einem weiteren Hadit daß der Prophet (a.s.s.) sagte:

»Fürwahr, mein Herr teilte mir mit, daß ich in meinem Volk ein Zeichen sehen würde, und Er befahl mir, Ihn zu lobpreisen, sobald ich das Zeichen sehe, und Ihn um Vergebung zu bitten;

Er ist gewiß bereit zu verzeihen. Und ich habe das Zeichen gesehen: Wenn die Hilfe Allahs kommt und der Sieg und du die Menschen zur Religion Allahs in Scharen übertreten siehst, dann lobpreise deinen Herrn und bitte Ihn um Vergebung! Er ist ja bereit zu verzeihen.« Es ist ebenfalls überliefert, daß der Prophet (a.s.s.) am Tage der Einnahme Mekkas vormit- tags acht Rak'as betete; daraus wird abgeleitet, daß es wünschenswert ist, daß der Führer eines islamischen Heeres acht Rak'as betet, sobald er ein Gebiet erobert hat. So praktizierte es z. B. später auch Sa'd ibn Abî Waqqâs ®, ein bekannter Feldherr des Islam.

Diesem Vers entnehmen wir also, daß wir Allah (t) preisen sollen, wenn Er uns Hilfe zukommen lassen und uns zu einem Erfolg verholfen hat. Wir dürfen nicht denken, daß unser Gelingen unser eigenes Verdienst sei, sondern müssen uns vielmehr immer vergegenwärtigen, daß ohne Allahs Hilfe und ohne Sein Wollen nichts geschehen kann. So sollte auch der Prophet Muhammad (a.s.s.) nach der problemlosen Einnahme Mekkas Allah (t) für Seine Hilfe danken, insbesondere, nachdem er so schwere Jahre der Verfolgung und Bekämpfung erlebt hatte. Nach dem Lobpreis wird in diesem Vers die Bitte um Vergebung angesprochen. Einige Qur'an-Kommentatoren sagen, daß hiermit gemeint sei, der Prophet (a.s.s.) solle in verstärktem Maße Allah (t) um Vergebung bitten, weil er nur noch kurze Zeit zu leben hatte. Nach Meinung anderer besagt dieser Vers, der Prophet (a.s.s.) solle für die gesamte islamische Gemeinschaft um Vergebung bitten.

Die letzten Worte dieser Sura legen eindeutig fest, daß es einerseits nur Allah (t) ist, Der Vergebung erteilen kann, und daß Er andererseits auch gewillt ist, Gnade walten zu lassen und Sünden nachsichtig zu vergeben.

Dieser letzte Vers lehrt uns, daß selbst im Gefühl des höchsten Erfolges der Mensch nicht übermütig und überheblich in seiner Freude werden soll. Die Einnahme Mekkas gibt uns hierfür ein leuchtendes Beispiel: Trotz grausamster Verfolgung und schändlichster Demütigung, die der Prophet (a.s.s.) und andere Muslime durch die heidnischen Bewohner Mekkas erlitten hatten, wurde beim Einmarsch in die Stadt kein Tropfen Blut zu unrecht vergossen, kein Haus wurde geplündert, und die Führer Mekkas wurden verschont. Der Prophet (a.s.s.) erklärte:

»Keine Rache sei genommen, keine Strafe verhängt: ich vergebe euch!« Und als erstes betrat er die Kâ'ba, betete zu Allah (t) und dankte Ihm und pries Ihn. Doch nicht nur der Prophet Muhammad (a.s.s.) ist für uns ein Vorbild in dieser völligen Gottergebenheit, Nachsicht und Verzeihung - auch von anderen Propheten (a.s.) sowie Staatsmännern und Feldherrn des frühen Islam wird solche Großherzigkeit berichtet. So mußte z. B. der Prophet Joseph (a.s.) durch seine eigene Familie viel Leid erfahren; als er aber schließlich in eine hohe Machtposition gelangt war, verzieh er seiner Familie, ehrte sie und dankte Allah (t) für Seine Gnade. Denn Joseph (a.s.) wußte, daß er nur durch die Hilfe Allahs (t) allem Übel entronnen war.

Auch der Prophet Salomo (a.s.) wußte, daß er in erster Linie durch die Gunst Allahs (t) seine Herrscherwürde erlangt hatte und nicht allein durch das Wohlwollen seines Volkes. Und er sagte deshalb:

»Das ist eine von den Wohltaten meines Herrn, um mich zu prüfen, ob ich dankbar oder undankbar bin« (Sura 27, An-Naml, Die Ameisen: Vers 40).

In gleicher Weise, wie der Prophet Muhammad (a.s.s.) bei der Einnahme Mekkas verfuhr, handelten auch nach ihm die Feldherren und Kalifen des frühen Islam. Diese hier geschilderte Grundeinstellung eines gläubigen Muslims ist Ausdruck seines festen Glaubens an Allah (t) und gibt ihm Kraft, Überlegenheit und Freiheit. Möge Allah (t) uns zu dieser Grundeinstellung finden lassen!

Lehre

  1. Diese Sura wurde dem Propheten Muhammad (a.s.s.) nicht nur als Lehre für ihn und die Gläubigen sondern auch als Zeichen seines baldigen Todes offenbart.
  2. Nach verbreiteter Lehrmeinung bezieht sich der Inhalt dieser Sura auf das Ereignis der kampflosen Einnahme Mekkas durch den Propheten Muhammad (a.s.s.) im Jahre 8 n. H.
  3. Die Einnahme Mekkas bewirkte den Übertritt der Menschen zum Islam in Scharen.
  4. Die Religion Allahs (t) ist der Islam.
  5. Allah (t) ist der einzige, Der Sünden vergeben kann, und Er ist auch bereit zu verzeihen.
  6. Jeder Erfolg des Menschen kommt in erster Linie durch die Hilfe Allahs (t) zustande.
  7. Nach jedem eingetroffenen Erfolg soll man Allah (t) lobpreisen und Ihm für Seine Hilfe danken.
  8. Bei einem Erfolg soll man nicht übermütig und überheblich werden, sondern in Demut Allah (t) danken, denn auch Erfolge sind Prüfungen von Allah (t).
  9. Auch wenn man durch einen anderen Menschen schweres Leid erfährt und ins Unglück gestürzt wird, sollte man, wenn man später die Möglichkeit hat, nicht Rache nehmen, sondern seinem Widersacher gütig gegen-übertreten.
  10. Allah (t) gewährt Hilfe, wann und wie Er es für richtig hält; der Mensch soll also auch in Notzeiten geduldig sein und auf Allah (t) vertrauen.

  11. Starkes Gottvertrauen, sowohl in Notzeiten als auch bei Erfolgen, gibt dem Menschen Kraft, Überlegenheit und Freiheit.

AL-LAHAB  Sure 111

Übersetzung

Die Palmfasern (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Die beiden Hände von Abu Lahab werden vergehen, und er wird vergehen.

2. Sein Reichtum und was er erworben hat, soll ihm nichts nützen.

3. Bald wird er in ein flammendes Feuer eingehen;

4 Und sein Weib (ebenfalls), die arge Verieumderin.

5. Um ihren Hals wird ein Strick von gewundenen Palmenfasern sein.
 


Kommentar

Diese mekkanische Sura wird außer Al-Tabbat, »Die Palmfasern«, auch Al-Lahab, »Die lodernde Flamme«, Abu Lahab oder Masad, »Zugrundegehen«,genannt.

Wer war dieser Abu Lahab, von dem und dessen Frau in dieser Sura die Rede ist?

Er war ein Onkel des Propheten väterlicherseits, und sein eigentlicher Name war 'Abdu-l- Uzzâ ibn Abdul-l-Muttalib. Er war in Makka sehr bekannt, nicht nur wegen seines großen Reichtums, sondern auch wegen seines leicht entflammbaren Zorns, und deshalb wurde er allgemein Abu Lahab, »Vater der Flamme«, genannt. Seit der Prophet (a.s.s.) damit begonnen hatte, die Menschen zum Islam aufzurufen, war Aba Lahab einer seiner erbittertsten Gegner, und er nutzte jede Gelegenheit, dem Propheten (a.s.s.), in dessen unmittelbarer Nachbarschaft er in Makka wohnte, und dem Islam Schaden zuzufügen: Er beschimpfte den Propheten (a.s.s.), bezichtigte ihn der Lüge und warf ihm vor, die Menschen in die Irre führen zu wollen. So mag auch sein flammender Eifer bei der Bekämpfung der Muslime zu seinem Spitznamen »Vater der Flamme« beigetragen haben.

Wie ein Hadit der von Al-Buhâri überliefert wird, berichtet, rief der Prophet (a.s.s.) eines Tages die Qurais, denen er selbst angehörte, zu sich und teilte ihnen von einem Hügel aus mit, daß er für sie ein Warner vor gewaltiger Strafe sei. Daraufhin schrie Abu Lahab ihn an:

»Hast du uns aus diesem Grund hier versammelt? Verderben komme über dich!« Da offenbarte Allah (t) diese Sura als Antwort auf das Verhalten Abu Lahabs.

In ihrem ersten Vers heißt es:

»Zugrunde gehen sollen die Hände Abu Lahabs!

Und (auch) er (selbst) soll zugrunde gehen!« In diesem Vers wird also ein Fluch über Abu Lahab ausgesprochen. Im ersten Teil dieses Fluchs werden speziell die Hände Abu Lahabs genannt, weil die meisten Taten mit den Händen verrichtet werden. Gemeint ist damit jedoch die ganze Person - in der arabischen Sprache ist es nämlich gebräuchlich, daß ein beabsichtigtes Ganzes nur durch einen Teil des Ganzen zum Ausdruck gebracht wird. Diese Formulierung begegnet uns auch noch an anderer Stelle im Qur'an, z. B. in der 78. Sura (An-Naba= Die Ankündigung) im 40. Vers:

»Wahrlich, Wir haben euch gewarnt vor einer Strafe, die nahe bevorsteht, an einem Tag, da der Mensch erblicken wird, was seine Hände vorausgeschickt haben«, d. h., was der Mensch an Taten verrichtet hat. Im zweiten Teil des Fluchs ist nun die ganze Person Abu Lahabs genannt. Man kann dies als eine Verstärkung und Bekräftigung des Fluchs ansehen:

»Und (auch) er (selbst) soll zugrunde gehen!« ,nicht nur seine Hände. Andere Qur'an-Kommentatoren sagen, daß nur der erste Teil dieses ersten Verses ein Fluch sei, der zweite aber die Ankündigung der Erfüllung dieses vorausgegangenen Fluchs beinhalte; denn Abu Lahab ist infolge dieses Fluchs wirklich zugrunde gegangen, nicht nur - wie wir noch sehen werden - im Sinne eines jämmerlichen physischen Todes, indem er im Jahre 2 n. H. an einer Pockenerkrankung starb. Nach dieser Interpretation würde die Übersetzung des ersten Verses also lauten:

»Zugrunde gehen sollen die Hände Abu Lahabs!

Und er ist (tatsächlich) zugrunde gegangen.« Wieder andere Kommentatoren sehen in beiden Teilen dieses Verses Aussagen. Danach bedeutet der erste Vers:

»Die Hände Abu Lahabs sind zugrunde gegangen, und (auch) er (selbst) ist zugrunde gegangen.«

Die Vergangenheitsform, in der gemäß dieser beiden letzteren Interpretationen die Aussagen über Abu Lahab formuliert sind, steht dabei nur in scheinbarem Widerspruch dazu, daß Ereignisse angesprochen werden, die zum Zeitpunkt der Offenbarung dieses Verses noch in der Zukunft liegen. Denn es handelt sich dabei um ein Urteil Allahs (t), das Er, Der in Seinem allumfassenden Wissen auch das zukünftige Verhalten Abu Lahabs schon kennt, aufgrund dieses Verhaltens bereits gefällt hatte und das unumstößlich ist; in diesem Sinne »ist« also Abu Lahab bereits ·zugrunde gegangen - auch, wenn die entsprechenden Ereignisse nach menschlichem Zeitverständnis noch gar nicht eingetreten sind.

Die Antwort auf den Kampf Abu Lahabs gegen Muhammad (a.s.s.) ist also ein Fluch Allahs (t), dessen Erfüllung unausweichlich ist. Und während seit über 1400 Jahren jeder Muslim in jedem seiner Gebete Allah (t) um Barmherzigkeit und Segen für den Propheten (a.s.s.) bittet, wird Abu Lahab bis zum heutigen Tag von Muslimen in aller Welt verflucht, nämlich jedesmal, wenn sie diese Sura mit dem Fluch Allahs (t) rezitieren.

Der zweite Vers geht auf den Reichtum Abu Lahabs ein, mit dem dieser sich brüstete. Er meinte, weltliche Güter allein seien eine ausreichende Absicherung für das Leben, wie auch in unserer heutigen, als modern und fortschrittlich bezeichneten Welt viele meinen, ihr Geld als ihren Gott ansehen zu müssen, und nur materialistisch denken können. Dieser Vers erteilt diesem Denken eine eindeutige Absage:

»Nicht soll ihm sein Vermögen nützen, noch was er erworben hat!«

Trotz allen Besitztums ist Abu Lahab dennoch zugrunde gegangen, was sich in diesem Vers auf das diesseitige Leben und diese Welt bezieht. Das arabische Wort mã, das in diesem Vers mit »nicht ( übersetzt wurde, dient aber nicht nur der Verneinung, sondern hat auch die Funktion eines Fragewortes und bedeutet dann »Was«.

Deshalb kann dieser Vers auch mit der rhetorischen Frage übersetzt werden:

»Was hat ihm sein Vermögen genützt und was er erworben hat?« Es wird auch überliefert, daß mit dem, »was er erworben hat«, sein Sohn 'Utba gemeint sei, der Umm Kultum ®, eine Tochter Muhammads (a.s.s.), geheiratet hatte. Als Muhammad (a.s.s.) sein Prophetentum bekanntgab, schied er sich jedoch von ihr und nahm das Christentum an. Im Jahre 8 n. H. trat er dann endgültig zum Islam über.

Nachdem im zweiten Vers der materielle Besitz Abu Lahabs als nutzlos dargestellt worden ist, läßt Allah (t) Abu Lahab im dritten Vers wissen, daß er auch im Jenseits verloren und für das Höllenfeuer bestimmt ist:

»Er wird in einem lodernden Feuer brennen.« Dieser Vers stellt aber nicht nur das unumstößliche Urteil Allahs (t) fest, daß Abu Lahab wegen seines Unglaubens und seines Kampfes gegen den Islam der Strafe des Höllenfeuers unwiderruflich verfallen ist, sondern beinhaltet auch einen klaren Beweis für das Prophetentum Muhammads (a.s.s.). Denn Abu Lahab lebte nach Offenbarung dieser Sura noch einige Jahre, und Muhammad (a.s.s.) konnte von sich aus nicht wissen, ob Abu Lahab noch zum Islam übertreten würde oder nicht - viele Bewohner Mekkas, die den Propheten (a.s.s.) zunächst aufs heftigste gekämpft hatten, wurden später schließlich doch noch Muslime und traten für den Islam mit ihrem Besitz und ihrem Leben ein und stritten für ihn. So mag es sich der Prophet (a.s.s.) auch und gerade für seinen Onkel, trotz dessen erbitterten Kampfes gegen ihn, aus ganzem Herzen erhofft haben. Dadurch, daß Abu Lahab in diesem Vers jedoch die endgültige Strafe des Höllenfeuers bekanntgegeben wurde, wurde es auch als Tatsache hingestellt, daß Abu Lahab bis zu seinem Tode ungläubig bleiben würde, sowohl in seinem Herzen als auch durch öffentliches Bekenntnis. Dieses Wissen konnte Muhammad (a.s.s.) jedoch nur durch die Offenbarung Allahs (t) erlangen, und deshalb ist dieser Vers ein eindeutiger Beweis für Muhammads Prophetentum.

In den letzten beiden Versen wird eine weitere Person angesprochen, nämlich die Ehefrau Abu Lahabs. Es handelt sich um Umm Gamil 'Urwá bint Harb ibn Umalya, die Schwester des prominenten mekkanischen Führers Abu Sufyân, der seinerseits ebenfalls an der Spitze der Feinde des Islam in Makka stand, bis er im Jahre 8 n. H. selbst zum Islam übertrat.

Auch diese Ehefrau Abu Lahabs gehörte zu denen, die den Propheten Muhammad (a.s.s.) aufs heftigste bekämpften und ihm Schwierigkeiten bereiteten, wo sie nur konnten. So trug Umm Gamil eines Nachts Dornengestrüpp zusammen, wie man es als Brennholz verwendete, und legte es auf den Weg zu Muhammads Haus, damit er sich im Dunkeln daran verletzte. Nach anderen Oberlieferungen verbreitete sie Verleumdungen über den Propheten (a.s.s.)- die Worte »Brennholz tragen« in diesem Vers bedeuten in der arabischen Sprache im übertragenen Sinne auch »Verleumdungen verbreiten«, denn Verleumdungen wirken wie Brennstoff und Zunder für die Flamme der Neugier und Sensationslust. Deshalb kann dieser Vers auch mit folgenden Worten übersetzt werden:

»(er) und seine Frau, die Verleumderin«.

Einige Qur'an-Kommentatoren sagen auch, mit »Brennholz tragen« sei in diesem Vers gemeint, Umm Gamil hätte im übertragenen Sinne auf ihrem Rücken eine enorme Sündenlast getragen und somit Brennholz für das Höllenfeuer, das ihr zusammen mit ihrem Mann in diesem Vers prophezeit wird. Andere Kommentatoren erklären diesen Vers dahingehend, daß die Frau Abu Lahabs in der Hölle selbst Brennholz herbeizutragen habe, so wie sie im diesseitigen Leben Verleumdungen unter die Leute trug.

Die Frau Abu Lahabs bekämpfte aber nicht nur selbst den Propheten Muhammad (a.s.s.) und die Muslime, sondern hetzte auch ihren Mann immer wieder gegen sie auf und bestärkte ihn in seinem Unglauben und seinem Widerstand gegenüber dem Islam. Und da sie ihm in dieser Welt geholfen hat, soll sie nach Allahs Willen als Strafe im Höllenfeuer auch an der Seite ihres Ehemannes stehen und das Höllenfeuer für ihn schüren.

Im letzten Vers dieser Sura heißt es:

»Um ihren Hals ist ein Strick aus Palmfasern.« Dieser Strick aus Palmfasern ist eine zusätzliche Erschwernis für die Frau Abu Lahabs, denn jener feine Bast ist besonders leicht entzündbar. U. a. wird auch überliefert, daß Allah (t) es fügte, daß Umm Gamil mit einem Strick erdrosselt wurde und so ihre irdische Strafe fand, während im Jenseits um ihren Hals ein Seil aus Feuer gelegt wird.

Nach einer anderen Oberlieferung hatte Umm Gamil ein prächtiges Halsband aus Juwelen. Sie schwor bei den heidnischen Göttinnen Al-Lât und Al-'Uzzã, dieses Halsband zu verkaufen und das Geld für den Kampf gegen Muhammad (a.s.s.) auszugeben. Als Strafe soll nun beim Jüngsten Gericht anstelle dieser Juwelenkette ein Strick aus Palmfasern um ihren Hals gelegt werden.

Ibn Abu Hatr berichtet, daß Umm Gamil nach der Offenbarung dieser Sura mit einem Stein in der Hand dorthin ging, wo Muhammad (a.s.s.) mit seinem Gefährten Abu Bakr ®, dem späteren ersten Kalifen, zusammensaß. Als Abu Bakr ® sie erblickte, fürchtete er, daß sie Muhammad (a.s.s.) sehen und versuchen konnte, ihm etwas anzutun. Der Prophet (a.s.s.) versicherte ihm jedoch, daß Umm Gamil ihn nicht sehen werde, und begann, Qur'an-Verse zu rezitieren und damit seine Zuflucht bei Allah (t) zu suchen; dazu heißt es in der 17. Sura (Al-'lsrã= Die Nachtreise), Vers 45:

»Und wenn du den Qur'an liest, machen Wir zwischen dir und denen, die nicht an das Jenseits glauben, eine unsichtbare Scheidewand.« Als die Frau Abiu Lahabs nun bei Muhammad (a.s.s.) und Abu Bakr ® ankam, konnte sie in der Tat den Propheten (a.s.s.) nicht sehen - denn sie sprach nur Abu Bakr an und beschwerte sich, daß der Prophet (a.s.s.) sie verspottet und lächerlich gemacht hätte, was Abu Bakr ® entschieden zurückwies. Nach Ibn Ishaq soll sie außerdem sogar gedroht haben, dem Propheten (a.s.s.) mit dem mitgebrachten Stein auf den Mund zu schlagen.

In dieser Sura zeigt sich, daß der Kampf gegen den Islam wie ein Bumerang wirkt. Das deutsche Sprichwort: »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« findet hier eine ein- drucksvolle Bestätigung und gibt Anlaß zum Nachdenken über die Kraft des Islam und seinen Sieg und die Stärke der aufrichtigen, wahren Muslime, denn ihr Beschützer ist Allah (t), und keine Intrige und kein Angriff der Gegner des Islam kann diesen Schutzwall durchbrechen.

Lehre

  1. Flüche Allahs (t) gehen in Erfüllung.
  2. Weltliche Güter sind keine ausreichende Absicherung für das Leben.
  3. Zukunftsprophezeiungen im Qur'an beweisen die Echtheit des Prophetentums Muhammads (a.s.s.).
  4. Intrigen und Kampf gegen den Islam werden mit dem Höllenfeuer bestraft.

  5. Ausdauer, Geduld und Aufrichtigkeit verhelfen einem gläubigen Muslim zum Sieg über jeden Feind.

AL-ICHLÃS  Sure 112

Übersetzung

Die Aufrichtige Ergebenheit (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Sprich: "Er ist Allah, der Einzige;

2. Allah, der Unabhängige und von allen Angeflehte.

3. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt;

4. Und keiner ist Ihm gleich.
 


Kommentar

Ober den Vorzug dieser Sura, die nach überwie-gender Meinung in Makka offenbart wurde, gibt es viele Hadite. Al-Buhâri überliefert z. B. folgenden Hadit-i Qudsi:

»Allah (t) sagt: 'Der Mensch leugnet Mich, und er hat kein Recht dazu; und er beschimpft Mich, und er hat kein Recht dazu; sein Mich-Leugnen besteht darin, daß er behauptet, daß Ich ihn nicht wiedererwecke, so wie Ich ihn anfangs erschaffen habe; und sein Mich-Beschimpfen besteht darin, daß er behauptet, Allah hätte einen Sohn gezeugt. Aber Ich bin der ewige, alleinige Herr, Der Ich nicht zeuge und Der Ich nicht gezeugt worden bin, und niemand ist Mir gleich.'«

In einem anderen Hadit bei Al-Buhâri wird geschildert, wie ein Vorbeter in jeder Rak'a seiner Gebete immer diese Sura und dann noch eine weitere Sura zusätzlich rezitierte. Als ihn der Prophet Muhammad (a.s.s.) nach dem Grund dafür fragte, sagte jener, daß er diese Sura so liebe. Darauf erwiderte der Prophet (a.s.s.):

»Deine Liebe zu ihr bringt dich ins Paradies!« Ebenfalls bei Al-Buhâri wird überliefert, daß der Prophet (a.s.s.) jede Nacht dreimal diese Sura und die beiden Schutzsuren (Sura 113, AI-Falaq, Die Morgenröte und Sure 114, An-Nâs, Die Menschen) rezitierte, dabei die Hände zusammenlegte, sie anblies und mit ihnen, beim Kopf beginnend, den ganzen Körper überstrich. Und nach einem Hadit der von Muslim überliefert wird, hat der Prophet Muhammad (a.s.s.) gesagt:

»Allah (t) hat den Qur'an in drei Teile geteilt, und Qull-huwal-l-lâhu'ahad ist ein Drittel des Qur'an.«

Der Vorzug dieser Sura ist nicht erstaunlich, denn sie beinhaltet grundlegende Glaubenssätze des Islam und weist jedes Leugnen der Einheit und Unvergleichlichkeit Allahs (t) von seiten der Juden, Christen und Götzenanbeter entschieden zurück. Denn die Juden behaupten, Esra (a.s.) sei Gottes Sohn, was die Christen über Jesus (a.s.) ebenfalls behaupten, und die heidnischen Mekkaner, die die Existenz Allahs (t) keineswegs abstritten, sich jedoch über Ihn völlig falsche Vorstellungen machten und neben Ihm zahlreiche Götzen anbeteten, verehrten insbesondere Al-Lât und Al-'Uzzâ als angebliche Töchter Allahs (t) und dachten, auch die Engel seien Allahs Töchter.

Der Islam dagegen ist die einzige Lehre des absoluten Ein-Gott-Glaubens, was in dieser Sura kurz, aber umfassend dargestellt wird.

Nach einem Hadit bei Al-Buhâri wurde diese Sura offenbart, als die Ungläubigen den Propheten Muhammad (a.s.s.) aufforderten, ihnen seinen Herrn zu beschreiben.

Im ersten Vers dieser Sura heißt es:

»Sprich: Er ist Allah, ein Einziger«

Dieser Vers beinhaltet die Zusammenfassung der islamischen Glaubenslehre, deren Inhalt das Anliegen aller Propheten war. Es handelt sich um die Darlegung des Tauhid, nämlich daß es keinen anderen Gott neben Allah (t) gibt, wie es auch im islamischen Glaubensbekenntnis heißt:

»Es gibt keinen Gott außer Allah.«

Man spricht von der Wahdãniya Allahs: Seiner Einheit, die die Mehrheit und das Zusammengesetztsein ausschließt, und der Einzigartigkeit Seiner Existenz, d. h., daß Allah (t) alleiniger und einziger Gott und unvergleichlich ist. Eigentlich müßte diese Lehre für jeden nachdenkenden Menschen eine Selbstverständlichkeit sein. Dennoch hat es immer Götzendienst und Vielgötterei sowie die Lehre von Töchtern und Söhnen Gottes gegeben. Und deshalb sandte Allah (t) Seine Propheten, um die Menschen an die Lehre des Tauhid zu erinnern, als letzten Gesandten den Propheten Muhammad (a.s.s.). Und des-halb ist der Glaube an den Tauhid auch die erste Glaubenspflicht für jeden Muslim; entsprechend oft weist Allah (t) im Qur'an auf diesen Glaubensgrundsatz hin. Neben dieser 112. Sura heißt es z. B. in der 2. Sura (Al-Baqara, Die Kuh) in Vers 163:

»Und euer Gott ist ein einziger Gott; es gibt keinen Gott außer Ihm, dem All-Erbarmer, dem Barmherzigen.«

Die aufrichtige Bezeugung des Gläubigem daß es keinen Gott gibt außer Allah (t), ist sein Bekenntnis mit der Zunge, nachdem von seinem Herzen die feste Oberzeugung Besitz ergriffen hat, daß es keinen Anzubetenden außer Allah (t) gibt und daß nur Ihm Folge zu leisten ist.

Dieser Glaube an den Tauhid ist es, der den Muslim unabhängig und frei von anderen Menschen macht, denn Allah (t) ist ja der einzig Anzubetende, und nur Seinen Gesetzen darf man gehorchen. Wenn über die Menschen Unglück hereinbricht, sobald sie sich eigenmächtigen Staatsoberhäuptern, Kirchenvertretern oder Sektierern und deren Gesetzen und Lehren unterwerfen, dann liegt das daran, daß sie gegen die Lehre des Tauhid verstoßen, indem sie anderen als Allah (t) gehorchen und sie damit anbeten.

Die Verbindung von Verehrung und Gehorsam gegenüber Allah (t) mit Verehrung und Gehorsam gegenüber anderen als Ihn heißt im Arabischen Sirk. Dieser Sirk ist eine Todsünde im Islam, die Allah (t) nicht verzeiht. Dazu heißt es in Sura 4 (An-Nisa= Die Frauen), Vers 116:

»Allah vergibt nicht, daß man Ihm (andere Götter, Idole) zur Seite stellt, doch vergibt Er alles außer diesem, wem Er will. Und wer Allah (andere Götter, Idole) zur Seite stellt, der ist weit abgeirrt.«

Dieser Sirk umfaßt mehrere Erscheinungsformen: Zu ihnen gehören keineswegs nur die Anbetung von Götzen im ursprünglichen Sinne des Wortes oder die Anbetung von Sonne, Mond und Feuer oder von Geistern Verstorbener in den heidnischen Religionen; zu ihnen gehören z. B. auch - gerade in unserer Zeit - die an Anbetung grenzende Verehrung von Idolen, die Erhebung des Konsums zum Götzen, indem man über übermäßigem Streben nach materiellen Gütern Allah (t) und Seine Gesetze vergißt, oder die »Vergötterung« anderer Menschen. Letzteres ist immer dann der Fall, wenn man den Wünschen, Gesetzen oder Lehren von Menschen folgt, die nicht im Einklang mit den Normen des Islam stehen.

Menschen, die eine Befolgung ihrer Ideen bewirken wollen, können dies auf unterschiedlichste Weise versuchen, z. B. durch das Ausnutzen von Naivität und durch Betrug, durch Anwendung von Strenge und Einschüchterung oder durch Bedrohung und Unterwerfung.

Aber auch aus Liebe und Verehrung für einen Menschen, die bis zur Vergötterung wachsen, kann Sirk entstehen; am extremsten kommt dies zum Ausdruck bei der Verehrung der Christen für den Propheten Jesus (a.s.), den sie als »Gottes Sohn« anbeten und als Bestandteil der sogenannten Dreieinigkeit betrachten.

All den genannten Irrwegen erteilt der Islam durch die eindeutige Lehre des Tauhid eine klare Absage. Der Prophet Muhammad (a.s.s.) hat es z. B. verboten, ihn zu erhöhen, wie es die Christen mit Jesus (a.s.) getan hatten. Und im Qur'an heißt es in der 18. Sura (Al-Kahf, Die Höhle), Vers 110: »Sprich: ,Ich bin nur ein Mensch wie ihr. Mir wurde offenbart, daß euer Gott ein einziger Gott ist. Wer die Begegnung mit seinem Herrn er- hofft, der soll rechtschaffene Werke vollbringen und bei der Verehrung seines Herrn Ihm niemanden zur Seite stellen«

Der erste, kurze Vers der 112. Sura - »Sprich: Er ist Allah, ein Einziger« - beinhaltet also trotz seiner wenigen Worte eine umfassende und grundlegende Lehre. Von dieser Lehre des Tauhid muß der Mensch in seinem Herzen zutiefst überzeugt sein, um ein treu ergebener Diener Allahs (t) werden zu können. Der Schritt der Anerkennung des Tauhid ist unabdingbare Voraussetzung für alle weiteren Schritte zum Erfolg. Hieraus verstehen wir nun auch den Titel dieser Sura: »Die aufrichtige Ergebenheit« .

Auf der Lehre des Tauhid baut sich das ganze Leben des Muslim auf, denn aus ihr schöpft der Gläubige erst das Wissen, daß es überhaupt einen Gott gibt, Der alles erschaffen hat und alles beherrscht, und daß dieser Gott allein und ohne Partner, ewig, Sich selbst genügend und allmächtig ist.

Nachdem wir aus dem ersten Vers von der Existenz Allahs (t) und von Seiner Einzigartigkeit erfahren haben, lehrt uns der nächste Vers, daß Er auch der unumschränkte und immerwährende Herrscher ist. Das arabische Wort samad bedeutet Herr, ohne dessen Willen nichts geschehen kann«. Allah (t) ist sozusagen die »oberste und letzte Instanz., von Ihm sind alle Geschöpfe abhängig, und Ihm ist alles untertan.

Einige Qur'an-Kommentatoren verstehen unter Samad den »Ewigen«, d. h., Allah (t) ist ohne Anfang und Ende und an keine Zeit gebunden. Dieser zweite Vers knüpft an die Bedeutung des ersten Verses unmittelbar an und unterstreicht die Einzigartigkeit Allahs (t). Und er leitet auch zum nächsten Vers über, zu einer anderen Einzigartigkeit Allahs (t), weshalb einige Kommentatoren diesen Vers auch dahingehend interpretieren, daß mit Samad eine Eigenschaft Allahs (t) gemeint sei, die im folgenden Vers erklärt wird.

Der dritte Vers heißt:

»Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden.« Dieser Vers ist eine Antwort auf die falschen Behauptungen, die Engel seien Töchter Allahs (t), oder Esra (a.s.) sei Sein Sohn oder Jesus (a.s.). Allah (t) ist also kein leiblicher Vater, noch ist Er selbst von jemandem gezeugt worden. Er ist Allah, der Eine und der Alleinige. Da die Gottessohnschaft eine weitverbreitete und leichtgläubig angenommene Irrlehre ist, erwähnt Allah (t) in diesem Vers zuerst, daß Er keinen leiblichen Sohn hat, und stellt erst dann klar, daß Er selbst auch nicht gezeugt worden ist: Allah (t) ist somit ewig und ohne Anfang.

Im letzten Vers wird noch einmal zusammenfassend Bilanz aus den drei ersten Versen gezogen:

»und keiner ist Ihm gleich+.

Das bedeutet zum einen, daß sich Allah (t) in Seinem Wesen völlig von Seinen Geschöpfen unterscheidet und daß sich daher jede Gleichstellung Allahs (t) mit von Ihm erschaffenen Geschöpfen von selbst ausschließt, und es bedeutet zum anderen, daß die Eigenschaften der Geschöpfe nicht identisch sind mit denen Allahs (t). Das Wissen des Menschen z. B. ist begrenzt, während Allah (t) allwissend ist.

In Vers 11 der Sura 42 (As-Sûrâ, Die Beratung) sagt Allah (t) von Sich selbst:

»Nichts kommt Ihm gleich, und Er ist der Hörende, der Sehende.« Das bedeutet einerseits, daß keine Eigenschaft irgendeines der Geschöpfe oder eines Teils der Schöpfung einer der Eigenschaften Allahs (t) gleich ist. Er ist also unvergleichlich, einzigartig. Gleichzeitig bekräftigt Allah (t) aber, daß Er Eigenschaften besitzt, also kein abstraktes Wesen ist. Jedoch sind diese Seine Eigenschaften nicht denen des Menschen oder irgendeines an-deren Seiner Geschöpfe gleich: Er hört, aber nicht, wie wir hören, Er sieht, aber nicht, wie wir sehen. Damit wir uns jedoch überhaupt eine Vorstellung von Allahs Eigenschaften machen können, benennt Er sie mit den entsprechenden Namen der menschlichen Eigenschaften, auch wenn sie ihnen nicht gleichkommen. Darüberhinaus ist Allahs (t) auf niemanden angewiesen, die Menschen jedoch sind von Ihm und Seiner Gnade abhängig. Schließlich ist Allahs Macht ohne Grenzen und Er selbst ewig, die Macht des Menschen jedoch ist begrenzt, sein Leben kommt von Allah (t) und wird durch Seinen Willen auch beendet.

Niemand ist also Allah (t) gleich, weder in Seinem Wesen noch in Seinen Eigenschaften noch in Seinen Taten.

Gepriesen sei Allah, Der der Eine und alleinige

Herr ist, Der nicht zeugt und nicht gezeugt worden und Dem keiner gleich ist!

Lehre

  1. Zahlreiche Hadit heben den Vorzug dieser Sura hervor.
  2. In dieser Sura werden die grundlegenden Lehren des Tauhid dargelegt.
  3. Allah (t) ist ein einziger Gott und hat keine Götter neben sich.
  4. Die Anerkennung und Befolgung des Tauhid machen den Menschen frei und unabhängig von anderen Menschen.
  5. Allah (t) vergibt nicht, daß Ihm in Seinem Schöpfungswerk und in Seiner Herrscherstellung jemand oder etwas zur Seite gestellt wird.
  6. Allah (t) ist der unumschränkte und immerAllahwährende Herrscher.
  7. Allah (t) ist kein leiblicher Vater.
  8. Allah (t) wurde nicht gezeugt.

  9. Niemand ist Allah (t) gleich, weder in Seinem Wesen noch in Seinen Eigenschaften noch in Seinen Taten.
Zum Geleit -  Vorwort

Die beiden letzten Suren des Qur'an - Sura 113 (Al-Falaq, Das Morgengrauen) und Sura 114 (An-Nâs, Die Menschen) werden »Die beiden Schutzverleihenden« genannt. Allah (t) lehrt durch sie in kurzer, gedrängter, aber umfassender Form, daß wahre Zuflucht und alleiniger Schutz nur bei Ihm, unserem allmächtigen Schöpfer, gefunden werden können.

Es ist das Bewußtsein dieser Tatsache, das den Muslim in Situationen, in denen er sich bedroht, bedrückt oder bedrängt fühlt, Schutz suchen läßt bei Allah (t) vor Bösem und Unheil, das ihn von Angstzuständen und Depressionen befreit und das ihm ein Gefühl der Geborgenheit und des Geschütztseins vermittelt. Um dieses Bewußtsein zu stärken und darin inneren Frieden zu finden und um diesen Schutz zu erbitten, wird er deshalb in derartigen Situationen ein Stück aus dem Qur'an, also von Allahs eigenen Worten, rezitieren. Dazu ist jede Sura geeignet, besonders aber sind es die genannten Suren, denn sie beginnen beide mit den Worten

: »Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn.. «

Kurz und prägnant werden diese beiden Suren meistens als »Die Schutz-Suren« bezeichnet, allerdings nicht im Qur'an selbst, sondern in den Hadit-Büchern. Damit durch diesen Begriff nun nicht falsche Eindrücke oder Vorurteile erweckt werden, sei jedoch Folgendes klargestellt:

Wie aus dem Gesagten bereits deutlich geworden sein dürfte, handelt es sich bei diesen beiden Suren keineswegs um »Beschwörungsformeln« oder »Zauberworte«, so wie dies manchmal fälschlicherweise behauptet wird, um den beiden Suren eine magische Komponente zu verleihen und sie dadurch abzuwerten. Beachten wir in diesem Zusammenhang, daß auch die erste Sura des Qur'an, Al-Fatiha, u.a. AL-Wãqiya, »Die Schützende«, genannt wird - auch in ihr wird dargelegt, daß nur Allah (t) es ist, bei Dem man Hilfe suchen darf und Hilfe finden kann.

Auch die bisweilen geäußerte Behauptung, daß die beiden Suren ursprünglich nicht zum Qur'an gehörten, sondern ,»erst später als abwehrende Schlußworte der ganzen Sammlung angehängt« worden seien, trifft nicht zu, denn der Prophet Muhammad (a.s.s.) hat diese Suren im Gebet rezitiert (sie waren also bereits zu seinen Lebzeiten bekannt) und selbst gesagt, daß sie Teil der Offenbarung Allahs (t) seien. Ausdrücklich hat der Gesandte Allahs (a.s.s.) jede Form des Aberglaubens strikt abgelehnt und als Irrglauben bezeichnet - jeder, der sich um vorurteilsfreie Betrachtung bemüht, sollte sich also davor hüten, an Aberglauben oder Magie im Islam zu denken.

Es versteht sich von selbst, daß wir nicht den Anspruch erheben, im Rahmen dieses kleinen Beitrags die beiden Suren und ihre Thematik er-schöpfend zu behandeln - falls dies überhaupt jemals möglich sein sollte. Viele Fragen mussen deshalb offen bleiben, und es wird sich zeigen, daß sich um so mehr Fragen stellen, je intensiver man sich in die Thematik vertieft.

In einem Kulturkreis, in dem man dazu tendiert, die Existenz von Dingen nur dann anzuerkennen, wenn sie empirisch-wissenschaftlich überprüfbar ist, während andererseits der Aberglaube die wunderlichsten Blüten treibt, werden manche Leser vielleicht feststellen, daß sie gar keinen oder doch nur sehr schwer Zugang zu der hier dargelegten Gedankenwelt finden. Dies ist, vor allem, wenn man sich das erste Mal damit auseinandersetzt, verständlicherweise auch nicht einfach - setzt es doch in vieler Hinsicht voraus, vertraute und als selbstverständliche Wahrheit betrachtete Denkschemata in Frage zu stellen. Vor allem für den muslimischen Leser sei noch hinzugefügt, daß man nicht immer und zu jeder Zeit aufnahmefähig ist, um zu begreifen, und daß es längere Zeit dauern kann, bis wir tatsächlich mit dem Verstand oder zumindest mit dem Herzen verstehen - vielleicht Tage, vielleicht Monate, vielleicht Jahre. Bedenken wir, daß uns Allah (t) im Qur'an in Seiner Gnade manches nicht nur mitteilt, um uns aufzuklären, sondern auch als Prüfstein für unseren Glauben - und erinnern wir uns, was Er uns in den ersten Versen der Sura 2 (Al-Baqara, Die Kuh) sagt:

»Dies (der Qur'an) ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist, (offenbart) als Rechtleitung für die Gottesfürchtigen (2), die an das Ungesehene glauben... (3) und die an das glauben, was (als Offenbarung) zu dir (o Muhammad) und was vor dir herabgesandt worden ist, und die vom Jenseits überzeugt sind (4). Sie sind von ihrem Herrn rechtgeleitet, und ihnen wird es wohl ergehen (5). «Quelle: Muhammad Rassoul

AL-FALAQ  Sure 113

Übersetzung

Das Morgengrauen (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Sprich : "Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung,

2. Vor dem Übel dessen, was Er erschaffen,

3. Und vor dem Übel der Nacht, wenn sie sich verbreitet,

4. Und vor dem Übel derer, die auf die Knoten blasen (um sie zu lösen),

5. Und vor dem Übel des Neiders, wenn er neidet."
 


Kommentar

»Sind dir nicht die Verse bekannt, die diese Nacht offenbart wurden? Dergleichen hat man noch nicht gehört: »Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn des Morgengrauens« und sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn der Menschen! «

Dieser Hadith, der bei Muslim überliefert wird, macht den Stellenwert der beiden letzten Suren des Qur’an-Textes deutlich und läßt erahnen, welch ungeheuer tröstliche und befreiende Wirkung diese Suren auf die G1äubigen gehabt haben mögen, als diese Verse in Mekka offenbart und der noch kleinen islamischen Gemeinde von ihrem Propheten Muhammad (a.s.s.) verkündet wurden.

»Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn des Morgengrauens. - in diesem ersten Vers der Sura 113 fordert Allah (t) Seinen Propheten Mu- hammad (a.s.s.) und die G1äubigen auf, bestimmte Worte zu sprechen, die Angst, Aberglauben und alles Übel vertreiben. Dies bezieht sich insbesondere auf jene Kräfte in der Schöpfung, auf die wir Menschen aus eigener Kraft keinen Einfluß haben, wie z. B. die Cinn, den Bösen Blick« usw. Allah (t) läßt in Seiner Güte die Gläu- bigen jedoch nicht allein in Angst und Hilflosig- keit, sondern eröffnet ihnen eine Möglichkeit, ihre Ängste abzulegen, Zuflucht in der Rechtleitung Allahs, im Bewußtsein und im Schutz Seiner All- macht zu suchen und somit in Sicherheit und Sorglosigkeit zu leben.

Betrachten wir nun die Worte dieses Verses im einzelnen: Die kurze Einleitung der Sura durch das Wort »Sprich« hat mehrere Bedeutungen: Sie stellt eine Aufforderung Allahs (t) an Seinen Gesandten Muhammad (a.s.s.) dar, diese Sura den Menschen vorzutragen; Allah (t) fordert dadurch, wie bereits erwähnt, die G1äubigen auf, bestimmte Worte zu ihrem Schutz zu sprechen; und dieses »Sprich« lenkt die Aufmerksamkeit auf das Folgende und macht den Verkündigungscharakter dieser Sura deutlich, nämlich die Verkündigung von etwas, dessen sich der Mensch bisher noch nicht bewußt war.

Der Gläubige kann, darf, soll also Zuflucht suchen - beim Herrn* des Morgengrauens«, also bei Allah (t), denn Er ist es, Der die Macht hat, die Nacht in den Tag übergehen zu lassen. Aus diesem Vers ergibt sich ein Aspekt des Tau·d, nämlich daß nur Allah (t) es ist, Der Schutz und Hilfe gewähren kann, und daß nur Allah (t) es ist, bei Dem man Zuflucht und Schutz vor allem Bösen suchen darf.

  • Das arabische Wort Rabb, «Herr», ist einer der 99 Namen Allahs (t); es bedeutet »Herr«, »Besitzer«, »Gebieter«, «Eigentümer», «Leiter »,
  • Angebeteter, und es darf, wenn es allein steht, nur im Zusammenhang mit Allah (t) genannt werden.
Dieses Zufluchtnehmen bei Allah (t) heißt im Arabischen Isti’âda - es bedeutet.Mehen vor einer Sache, die Anlaß zur Furcht gibt, zu jemandem, der diese Sache verhindern und Schutz bieten kann«; der Qur’an-Kommentator Ibn Katlr definiert Isti’àda als »Zuflucht nehmen bei Allãh (t) und sich Seinem Schutz anvertrauen vor dem Übel alles Übelstiftendenden«.

Isti’âda ist somit Bestandteil der ‘Ibâda, des Gehorsams gegenüber Allah (t) in Verehrung und Liebe. Deshalb befiehlt Allah (t) in diesem Vers, bei Ihm Zuflucht zu suchen, denn Er ist der unumschränkte Herr, der allwissende Schöpfer und allmächtige Gebieter des gesamten Universums, und deshalb gibt es keinen Zufluchtsort in Bedrängnis, Not und Furcht außer bei Ihm allein - Er allein hat die Macht, das Übel abzuwenden, und daher ist es im Islam verboten, bei jemand anderem als bei Allah (t) Zuflucht und Schutz zu suchen oder gar Zauberbeschwörungen vorzunehmen, wie sie in Sura 72 (Al-Ginn, Die Ginn), Vers 6 angesprochen werden:

Und daß manche Menschen Zuflucht bei Ginn zu suchen pflegten, aber sie vermehrten (dadurch nur) ihre Sündhaftigkeit. Der Ausdruck «Herr des Morgengrauens» (weist aber noch auf einen weiteren Aspekt von Allahs Macht hin: Als «Herr des Morgengrauens» ist Er der Herr über den Wechsel von Tag und Nacht, einen Zeitenwechsel, der von der Drehung der Erde innerhalb des Sonnensystems abhängig ist. «Herr des Morgengrauens» bedeutet also auch «Herr eines wohldurchdachten und vollkommenen Systems«, und in Qur’an-Kommentaren wird darauf hingewiesen, daß falaq (wörtlich: Spaltung) nicht nur »Morgengrauen«, sondern demnach auch »Gesamtheit der Schöpfung« bedeutet.

Im zweiten Vers heißt es:

»vor dem Übel dessen, was Er erschaffen hat«d. h. also: »Ich suche Zuflucht vor dem Übel, das der Herr des Morgengrauens erschaffen hat.«d.h. Einige Qur’an-Kommentatoren interpretieren das in diesem Vers genannte Übel als die Hölle oder den Teufel2 und seine Helfer; andere Kommentatoren geben eine weitergehende Erklärung und sagen, daß damit das gesamte Übel gemeint sei, das in einem Teil der Schöpfung existiert, von Menschen ausgehend, von Ginn, von Tieren oder Naturereignissen wie z. B. Blitz und Erdbeben. (Dagegen sind andere Teile der Schöpfung vollständig frei von Übel, wie z. B. das Paradies, die Engel oder die Propheten im Hinblick auf ihre Eigenschaft als Offenbarungsträger).

Betrachten wir zum besseren Verständnis zunächst den Begriff des Übels in dieser Sura etwas genauer:

Falaq kann außerdem «Spaltung der Dinge in zwei Komponenten» oder «Spaltung des Samenkorns durch Entsprießen der Pflanze» bedeuten. Einige Kommentatoren vermuten auch, daß falaq eine Abteilung des Höllenfeuers sein könnte - die überwiegende Meinung der Gelehrten besagt jedoch, daß unter falaq in diesem Vers konkret das Morgengrauen zu verstehen sei.2 Zum Begriff des Teufels siehe den Kommentar zum vierten Vers der Sura 114.

Vier Arten von Übel werden erwähnt - in diesem Vers das allgemeine Übel in bestimmten Teilen der Schöpfung und in den folgenden drei Versen drei weitere Arten, nämlich das Übel der Dunkelheit, das Übel der »Knotenanbläserinnen« und das Übel desjenigen, der neidet.

Allgemein können wir zunächst einmal zwei Arten des Übels unterscheiden: das Übel, das von jemandem selbst ausgeht - nämlich die Sünden, die er begeht -, und das Übel, das einem zustoßen kann -sei es durch andere Menschen, durch Ginn, durch Tiere oder durch Naturereignisse. Beide Arten des Übels sind Gegenstand der Isti'âda. Halten wir weiterhin fest, daß unter.Übel«äuch die Leiden und ihre Ursachen zu verstehen sind, also z. B. ein Gift als Ursache für eine daraus entstehende Krankheit oder die falsche Anwendung von Kräften, die auch Nutzen bringen können, wie z. B. von Feuer, von Wasser oder Elektrizität, aber auch von geistigen oder körperlichen Fähigkeiten als Ursache für Unheil und Zerstörung. Auch Unglaube und Sünden können unter diesem Aspekt betrachtet werden: Unglaube z. B. ist wie ein Gift, das die moralische Substanz der Menschen zersetzt und eine Gesellschaft dadurch ins Verderben stürzt.

Übel können aber auch in solche körperlicher und solche seelischer Art gegliedert werden - zur ersten Kategorie gehören z. B. Krankheiten und Unfälle, zur zweiten gehören z. B. Mißgunst und irrationale Ängste.

Und schließlich lassen sich die Übel in bereits vorhandene und in noch nicht bestehende einteilen - im ersten Fall bezieht sich die Isti'âda - demnach auf die Beseitigung des Übels, im zweiten Fall bittet man Allah (t), kein Übel entstehen zu lassen. Auf die zweite Situation bezieht sich z. B. auch das »Gebet um die richtige Eingebung«, Salâ-tu-l-istihâra, das man verrichten kann, wenn man eine wichtige Entscheidung treffen muß, für die mehrere Möglichkeiten zur Wahl stehen; auch die Aufforderung Allahs (t), vor Beginn einer Qur’an-Rezitation Ihn um Schutz vor dem Satan zu bitten, gehört zu diesem Themenkreis.

Das Übel, das Allah (t) erschaffen hat, ist nun aber nicht zu verstehen als eine geschaffene Eigenschaft dessen, der ein Übel bewirkt, oder, anders ausgedrückt, nicht als eine vorhandene Eigenschaft, die sich notwendigerweise als Übel äußern muß - vielmehr ist das Übel zu verstehen als eine von dieser Eigenschaft getrennte Wirkung, die jedoch unter bestimmten Umständen zum Übel werden kann. Ein einfaches Beispiel:

Das Gift einer Biene ist kein Übel an sich, im Gegenteil - als Bestandteil von Medikamenten hat es schmerzlindernde Wirkung und ist also unter diesen Umständen etwas Gutes; zum Übel, und zwar für eine ganz bestimmte Person, wird es vielmehr erst dann, wenn es durch den Stich der Biene in die Blutbahn gelangt und nun beim Gestochenen Schwellungen und Schmerzen hervorruft.

An diesem Beispiel wird deutlich, daß Übel etwas Relatives ist - ein Begriff und eine Empfin- dung aus der Sicht des Menschen; denn aus der Sicht Allahs (t) ist alles von Ihm Geschaffene von Seinem Ursprung her gut - wobei man allerdings beachten muß, daß nur Allah (t) weiß, was für den Menschen und für die Gesamtheit der Schöpfung tatsächlich gut ist. Betrachten wir dazu noch ein weiteres Beispiel:

Wenn einem Dieb als von Allah (t) vorgeschriebene Strafe die Hand abgeschlagen wird, so ist dies für den Dieb aus seiner subjektiven Sicht etwas Schlimmes, Schlechtes, ein Übel - für die übrige Gesellschaft aber bedeutet die Bestrafung des Diebes aufgrund ihrer abschreckenden Wirkung Schutz und Sicherheit und somit etwas Gutes. Und selbst der Dieb mag, sofern er im Grunde seines Herzens doch ein gläubiger Muslim ist, schließlich in seiner Bestrafung doch noch etwas Gutes erkennen -hat er doch durch Sie sein Vergehen im Diesseits gesühnt und entgeht dadurch einer vielleicht viel härteren Strafe im Jenseits. An diesem Beispiel wird auch deutlich, daß das Übel, nämlich die Bestrafung, Folge des eigenen Fehlverhaltens, des »unrechten« Verhalten des Diebes ist, daß das Übel also vom Menschen selbst ausgehen kann -nicht nur in dem Sinne, daß er als »Übeltäter« anderen Übel zufügt, sondern auch in dem Sinne, daß seine Übeltat anderen gegenüber Folgen nach sich zieht, die für ihn selbst von Übel sind. Das Übel infolge des eigenen Unrechts wird im Qur’an häufig angesprochen, und wir werden auf diesen Ursprung deutlich hingewiesen; so heißt es z. B. in Sura 30 (Ar-Rmm, Die Römer), Vers 36:

.«Und wenn Wir die Menschen (ein Zeichen Unserer) Barmherzigkeit erleben lassen, freuen sie sich darüber. Aber wenn sie wegen der früheren Werke ihrer Hände etwas Schlimmes trifft, sind sie gleich verzweifelt. « Und in Sura 43 (Az-Zuhruf, Der Schmuck), Vers 76 stellt Allah (t) klar:

»Und nicht Wir haben ihnen Unrecht getan (indem sie ein Übel traf), sondern sie selbst waren es, die Unrecht taten«neben dem Übel, das der Mensch sich selbst zuzuschreiben hat, gibt es natürlich auch Widrigkeiten, auf die der Mensch keinen unmittelbaren Einfluß hat, wie z. B. Naturkatastrophen. Inwieweit der Mensch jedoch durch Fehlverhalten nicht auch zu ihrem Zustandekommen unmittelbar beiträgt - ganz deutlich wird dies hinsichtlich der Umweltverschmutzung - und inwieweit er auch viele Krankheiten selbst verschuldet, bleibt dahingestellt. «Sprich: Er hat die Macht, über euch eine Strafe zu senden« heißt es im 65. Vers der Sura 6 (Al-‘An’âm, Das Vieh)- und inwieweit Allah (t) den Menschen durch bestimmte Ereignisse zum Nachdenken und zur Rückkehr zum Guten bewegen will, das weiß Er allein. Halten wir zum Abschluß dieser allgemeinen Betrachtungen fest: Um welche Art von Übel es sich auch handeln mag, in allen Fällen hat der Mensch die segensreiche Möglichkeit, Allah (t) um Seinen Schutz zu bitten.

Nachdem also im zweiten Vers dieser Sura das Übel allgemein angesprochen wird, richtet Allah (t) im nächsten Vers unsere Aufmerksamkeit auf ein spezielles Übel, indem Er sagt:

»Und vor dem Übel der Dunkelheit, wenn sie hereinbricht« Nach überwiegender Meinung der Qur'an-Kommentatoren ist unter »Dunkelheit« die Nacht zu verstehen - demnach spricht dieser Vers also das Übel an, das beim Hereinbrechen der Nacht auftaucht.

Während der Tag Licht, Wärme und Sicherheit verbreitet, ist die Nacht die Zeit des Dunkels, der Kälte, der Unsicherheit und der Angst. Die Nacht ist z. B. die Zeit der Diebe und Verbrecher, die die Dunkelheit für ihre üblen, »dunklen« Zwecke nutzen, und die Nacht ist, was für Menschen in vielen Gebieten der Welt auch heute noch von größter Bedeutung ist, die Zeit der Raubtiere - die Nacht ist also die Zeit vermehrter physischer Ge- fahren oder, anders ausgedrückt, Gefahren »kör- perlicher Übel«, aufgrund derer sich der Mensch unsicher fühlt und ängstigt. Aber die Nacht ist auch die Zeit vermehrter irrationaler Ängste - »seelischer Übel«: Wem ist nicht schon einmal ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen, wenn er nachts allein im Wald oder an einem entlegenen Ort ein Kätzchen schreien oder einen Hund jau- len oder den Wind in den B1ättern rauschen hörte · Dinge, die ihn am hellichten Tage in keiner Weise beunruhigt hätten? Und vor allem die Nacht ist auch die Zeit, in den Mißstimmungen zu Depressionen, kleine Schwierigkeiten zu großen Problemen und Kummer und Traurigkeit zu Ver- zweiflung anzuwachsen drohen. Bei Sonnenun- tergang beginnt die Macht des Satans sich auszu- breiten«, sagte der Prophet Muhammad (a.s.s.), und damit wir dieser Macht nicht ausgeliefert sind, gebietet uns Allah (t) die Isti'âda vor dem «Übel der Nacht» In diesem Zusammenhang erkennen wir nun auch eine weitere Bedeutung des ersten Verses dieser Sura, «Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn des Morgengrauens, denn das Morgen- grauen vertreibt und beendet die Dunkelheit der Nacht und mit ihr die dunklen, üblen Gescheh- nisse der Finsternis. Damit wird erneut deutlich, daß allein Allah (t) als Herr und Schöpfer des Guten und des Lichts die Macht hat, das Übel des Dunklen zu verbannen.

Dieses Verhältnis von Licht und Dunkelheit wird auch aus Vers 257 der zweiten Sura (Al-Baqara, Die Kuh) ersichtlich:

»Allah ist der Freund derjenigen, die glauben. Er bringt sie aus den Finsternissen zum Licht. Und diejenigen, die ungläubig sind, ihre Freunde sind die Teufel. Sie bringen sie hinaus aus dem Licht in die Finsternisse« Der Glaube ist also wie das Licht, das die Herzen der G1äubigen erleuchtet, und der Unglaube ist wie die Dunkelheit, die die Herzen der Menschen in die Irre gehen und verstocken läßt.

Der nächste Vers spricht von dem dritten in dieser Sura erwähnten Übel; nach dem Übel im allge- meinen und dem Übel der Dunkelheit im besonderen sagt Allah (t):

»Und vor dem Übel der Knotenanbläserinnen« Bei diesen Knotenanbläserinnen handelt es sich um eine Art Priesterinnen von Al-Lat, die von den heidnischen Arabern als Göttin verehrt wurde.

Die Knotenanbläserinnen galten als Zauberinnen

Sie übten einen bestimmten »Knotenzauber« aus, indem sie Stricke verknüpften und jeden einzelnen Knoten anhauchten; damit sollten andere Menschen verhext werden. Diese Zauberei war eine Art von Magie, und sie steht hier in dieser Sura stellvertretend für Magie im allgemeinen.

Die Erwähnung der Zauberei in diesem Vers beweist, daß es Magie tatsächlich gibt und daß sie Schaden anrichtet; es ist eine bekannte Tatsache, daß Magie mit Täuschung, Betrug und Suggestion zusammenhängt, daß dabei mit den Gefühlen und Sìnneswahrnehmungen der Menschen, ihrem Aberglauben und ihren Angsten gespielt wird. Dagegen kann kein Mensch tatsächlich zaubern in dem Sinne, daß er etwas von Allah (t) Geschaffenes durch noch so geschickte Vorgehensweise verändert oder etwas von Ihm Gewolltes durch »magische Kräfte« oder Hexerei beeinflußt - auch dies lehrt uns Allah (t) im Qur’an, indem Er in Sura 20 (Tá Hä) die Vorgehensweise der sogenannten Zauberer deutlich und offen darlegt; im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen dem Pharao und Mose (a.s.), den der Pharao für einen Zauberer hält und nun seinerseits durch Zauberer beeindrucken will, heißt es in den Versen 65 ff:

»Sie (die Zauberer) sprachen:,0 Mose! Entweder wirfst du, oder wir sind die ersten,die werfen« (65)! Er sagte: »Nein, werft ihr (zuerst)! « Und da kam es ihm so vor, als ob die Stricke und Stäbe durch ihren Zauber (am Boden) liefen (66). Und Mose empfand in seinem Innern Furcht (67). Wir sprachen: ,Fürchte dich nicht! Du wirst ja der Oberlegene sein (68). Und wirf (nun), was du in deiner Rechten hast, dann schnappt es weg, was sie ge-macht haben! Was sie gemacht haben, ist nur die List eines Zauberers, und dem, der Zauberei treibt, wird es nicht wohlergehen, wo (immer) er auch auftritt (69).« Da warfen sich die Zauberer (wie von selbst) anbetend nieder. Sie sagten: »Wir glauben an den Herrn Aarons und Moses (70)!(« Aus Vers 102 von Sura 2 (Al-Baqara, Die Kuh) erfahren wir, daß die Verbreitung der Zauberei im eben beschriebenen Sinne auf die Teufel zurückgeht:

Zauberei im eben beschriebenen Sinne auf die Teufel zurückgeht: »Sie (d. h. diejenigen, die Zauberei treiben) folgen dem, was die Teufel unter der Herrschaft Salomos (den Menschen fälschlicherweise) vorlasen. Nicht Salomo war ungläubig, sondern die Teufel waren es, indem sie die Menschen in der Zauberei unter- wiesen. Und (sie folgten dem an Zauberei,) was den beiden Engeln in Babel, Hârût und Mäsüt (vom Himmel herab) offenbart worden war. Und sie (beide) unterwiesen keinen (in der Zauberei), ohne zu sagen: »Wir sind nur eine Versuchung. So werde (darum) nicht ungläubig! Und so lernten sie (d. h. die Menschen) von ihnen beiden (d. h. von den besagten Engeln) das (Zaubermittel), womit man Zwietracht zwischen den Ehegatten stiftet, doch können sie damit niemandem schaden, außer mit Allahs Erlaubnis. Und sie erlernten, was ihnen schadet und nicht nützt...« In einem Hadit, der bei Al-Buhâri überliefert wlld, warnt der Prophet Muhammad (a.s.s.) vor sieben Todsünden; zu ihnen géhört auch die Zauberei. Und bedeutende islamische Rechtsgelehrte - zu ihnen gehören Ahmad ibn Hanbal, Mâlik und Aba Hanifa sowie 'Umar ® (der zweite Kalif), sein Sohn 'Abdulläh ibn'Umar ® und'Utman ® (der dritte Kalif)- waren der Meinung, daß Zauberer zu töten seien, d. h., daß ihr Vergehen, Menschen mit ihrer Zauberei zu täuschen und Übel zu verbreiten, schwer genug sei, um mit der Todesstrafe geahndet zu werden.

Erinnert es nun nicht doch an .magische Beschwörung«, wenn ein Muslim, z. B. bei Krankheit, die beiden letzten Suren des Qur’an, also auch diese, rezitiert? Daß es sich dabei um etwas grundsätzlich anderes handelt, dürfte dem aufmerksamen Leser jedoch bereits deutlich geworden sein: Während bei magischer Beschwörung außergewöhnliche Fähigkeiten zum Schaden eines anderen angewandt werden, bittet der Muslim durch die Rezitation der beiden Suren Allah (t) mit Seinen eigenen Worten um Schutz und Hilfe, im aufrichtigen Vertrauen auf Allahs alleinige Macht. Auch der Prophet Muhammad (a.s.s.) tat dies: In einem Hadit, den Al-Buhâri überliefert hat, wird berichtet, daß Muhammad (a.s.s.) bei Krankheit diese beiden Suren rezitiert habe und dabei mit seinen beiden Händen wischend über seinen Körper gefahren sei.

Im letzten Vers dieser Sura lernen wir die vierte Art von Ubel kennen, nämlich das »Übel eines (jeden) Neiders, wenn er neidet«.

Zunächst einmal ist dieser Vers ein Beweis dafür, daß der Neid ein Übel ist, vor dem man Allah (t) um Schutz bitten soll; zum anderen lehrt uns dieser Vers, daß es nicht den Neider schlechthin gibt - vielmehr besagt die Formulierung, daß jeder Mensch einmal Gefühle des Neids haben kann, die für andere zum Übel werden können. Betrachten wir den Begriff des Neids etwas genauer: Allgemein bezeichnet er die Mißgunst einem anderen Menschen gegenüber, wenn diesem etwas Gutes widerfährt, verbunden mit dem Wunsch, daß dieses Gute wieder verschwindet oder auf den Neidischen selbst übergeht. Und speziellim Qur’an bedeutet Neid Mißgunst wegen der Gnade und Wohltat Allahs (t) für einen Menschen und der Wunsch nach Beendigung dieser Gnade. So heißt es im 109. Vers der zweiten Sura (Al-Baqara, Die Kuh):

»Viele vom Volk der Schrift (u. a. die Christen und Juden) wünschen, sie könnten euch (die Muslime) nach eurem (rechten) Glauben wieder zu Ungläu- bigen machen, aus Neid, nachdem ihnen die Wahrheit klar geworden ist...« Und im 54. Vers der vierten Sura (An-Nisã= Die Frauen) lesen wir:

»Oder beneiden sie die Leute deswegen, was Allah ihnen in Seiner Huld gegeben hat?« Den Neid kann man in drei Kategorien einteilen:

Erstens in den Wunsch nach Aufhören einer Wohltat oder Gunst, die einem anderen zukommt; dann in den Wunsch, daß einem anderen gar nicht erst etwas Gutes widerfährt; und schließlich in den Wunsch, daß einen selbst dasselbe Wohlergehen trifft, ohne dabei dem anderen zu wünschen, daß die Wohltat, die ihm zuteil wurde, wieder verschwindet. Diese dritte Art des Neids könnte man jedoch auch als Konkurrenzdenken, Rivalität oder Wetteifer bezeichnen und sie wird in diesem Vers nicht angesprochen. Im Hinblick auf die beiden zuerst genannten Kategorien des Neids aber befiehlt uns Allah (t), in Gottesfurcht und unbedingtem Vertrauen zu Ihm bei Ihm Schutz zu suchen, denn nur dadurch kann diese Art des Übels abgewehrt werden - wir selbst können uns von uns aus dagegen nicht zur Wehr setzen. Gottesfurcht und bedingungsloses Vertrauen zu Allah (t) führen auch zu einer Lebensgrundeinstellung, die Neid bereits in seinen Wurzeln bekämpft, denn sie führen zu Geduld und Aufrichtigkeit, zum Bestreben, von Allah (t) Verbotenes zu meiden, zu Großmut und zu Mitgefühl; sie motivieren zum Verrichten guter Taten, und sie führen zu der Fähigkeit, sich zu bescheiden. Auch das Bewußtsein der Bruderlichkeit im Islam und das Gebot zu deren tatsächlicher Umsetzung in die Praxis wirken dem Neid entgegen; wie AI-Buhâri überliefert, mahnte der Prophet Muhammad (a.s.s.):

»Niemand von euch ist gläubig, bis er nicht für seinen Bruder das wünscht, was er für sich selbst wünscht.« Wut, Haß und Selbstsucht dagegen begünstigen den Neid, und daß Neid nicht mit dem Glauben an Allah (t) vereinbar ist, wird deutlich im 32. Vers der Sura 4 (An-Nisã= Die kauen); in ihm weist Allah (t) ausdrücklich darauf hin, daß Er es ist, Der jedem zukommen läßt, was er verdient:

»Und wünscht euch nicht das, womit Allah die einen von euch vor den anderen ausgezeichnet hat! Den Männern kommt ein Anteil zu von dem, was sie verdient haben, und den Frauen kommt ein Anteil zu von dem, was sie verdient haben.

Und bittet Allah (um etwas) von Seiner Huld (statt einander zu beneiden)!« Die seelischen Einflüsse aufandere Menschen, die sich aus dem Neid und anderen negativen Ge- fühlsregungen ergeben können, wie z. B. der »Böse Blick«, sind in ihrem Ursprung und in ihrer kon- kreten Wirkungsweise bisher noch nicht er- forscht. Ebenso entzieht sich die Existenz von Teufeln und Ginn - so wie viele Phänomene, deren Existenz aber unbestritten ist-empirisch-wissen- schaftlicher Nachprüfbarkeit. Diese Sura lehrt uns jedoch, daß es Regungen der Seele und Mächte gibt, die auf den Menschen Einfluß aus- üben, und Fähigkeiten, die sich z. B. in »Zauberei« äußern können. Menschen, die das Vorhanden- sein von Teufeln und Ginn zwar anerkennen, ihren Einfluß auf den Menschen jedoch leugnen, oder die sogar die Existenz von Teufeln und Ginn ganz ul Abrede stellen, sind Ungläubige, denn sie glauben nicht an das, was Allah (t) offenbart hat - nur weil sie es nicht Iln Sinne empirischer Wissenschaft beweisen oder »rational« erklären können. Die G1äubigen hingegen ziehen aus dieser Sura die Lehre, daß es Teufel, Ginn, »übersinnliche« Kräfte und seelische Einflüsse gibt, und daß es vor ihnen keinen Schutz gibt außer durch Isti'äda. Deshalb hat diese Sura für sie einen ganz besonderen Wert, und sie hat, zusammen mit der letzten Sura des Qur'an, als Schutz-Sura in ihrem Leben ihren festen Platz und ihre tägliche Bedeutung. Sie ermöglicht ihnen, im Vertrauen auf die Allmacht Allahs (t) frei von Angst und in Sorglosigkeit zu leben und erinnert sie an das, was der Prophet Muhammad (a.s.s.) sagte:

»Wisse, ciaß das, was dich verfehlte, dich nicht getroffen haben sollte, und daß das, was dich traf, dich nicht verfehlt haben sollte.«

Lehre:

1) Die Sura 113 (Al-Falaq, Das Morgengrauen) ist eine Schutz-Sura.

2) Es gibt Mächte und Vorgänge in der Schöpfung, die den Menschen nachteilig beeinflussen können.

3)Vìele Dinge entziehen sich bis heute der Kenntnis durch die Wissenschaft.

4) Eine wirksame Verteidigung gegen alles Ubel bietet diese Schutz-Sura in Verbindung mit der zweiten Schutz-Sura, Sura 114 (An-Nãs, Die Menschen).

5) Außer Allah (t) gibt es niemanden, den der G1äubige um Schutz bitten darf.

6) Allah(t) ist der Gebieter des gesamten Universums. Deshalb kann nur Er Übel abwenden.

7) Übel ist ein Begriff aus der Sicht des Menschen; aus der Sicht Allahs (t) ist alles von Ihm Geschaffene gut.

8) Die Macht des Teufels breitet sich besonders zur Nachtzeit aus.

9) Glaube ist wie Licht, Unglaube ist wie Dunkelheit.

10) Zauberei und Magie richten Schaden an und sind bei Todesstrafe verboten.

11) Der Neid gehört zu den Übeln, vor denen der G1äubige bei Allah (t) Schutz suchen soll.

12) Menschen, die an die Einflüsse der genannten Übel sowie an Teufel und an Ginn nicht glauben, sind Ungläubige.

AL-NÃS  Sure 114

Übersetzung

Die Menschen (offenbart in Mekka)

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

1. Sprich : "lch nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen,

2. Dem König der Menschen,

3. Dem Gott der Menschen,

4. Vor dem Übel des schleichenden Einflüsterers

5. Der da einflüstert in die Herzen der Menschen

6. Unter den Dschinn und den Menschen."
 


Kommentar

Diese letzte Sura des Qur'an, eine der beiden sogenannten Schutz-Suren, wurde nach überwiegen-der Meinung der Islam-Wissenschaftler in Makka offenbart - zusammen mit der anderen Schutz-Sura, Nr. 113. Inhalt dieser letzten Sura ist eben-falls die Zuflucht zu Allah (t) vor Übel, das den Menschen bedroht - die Isti'âda.

Die drei ersten Verse dieser Sura weisen zunächst noch einmal darauf hin, daß Allah (t) die einzige Zufluchtsmacht vor allem Übel ist - dies sagte ja auch schon die vorhergehende Sura aus. Allah (t) wird in diesen drei Versen durch drei Eigenschaften beschrieben: Er ist der Herr der Menschen, ihr König und ihr Gott.

Er ist also der Besitzer der Menschen, ihr »Gebieter«, »Eigentümer«, »Leiter« und »Erhalter«, Derjenige, der Macht über sie ausübt und über sie verfügt (dies alles bedeutet das arabische Wort rabb), und Er ist Derjenige, Der sie als »König« und »Herrscher« (mâlik) am Tag des Jüngsten Gerichts für ihre Taten auf Erden zur Verantwortung ziehen wird. Die dritte hier genannte Eigenschaft, ilâh, »Gott«, bedeutet, daß einzig und allein Allah (t) es ist, Der angebetet werden darf, und daß niemand und nichts Ihm zur Seite gestellt werden darf. Die Lehre des Tauhid wird also in den ersten Versen dieser Sura noch einmal nachdrücklich betont.

In jedem dieser drei Verse wird das Wort »Menschen« genannt: Dadurch werden zum einen die Eigenschaften Allahs (t) besonders hervorgehoben, zum anderen zeichnet Allah (t) dadurch je-doch auch die Menschen aus, denn Allah (t) ist ja Herr der gesamten Schöpfung, von der die Menschen nur einen kleinen Teil ausmachen.

Auch die Reihenfolge der drei genannten Eigenschaften Allahs (t) hat einen besonderen Sinn: Zu-erst hat Allah (t) kraft Seiner Allmacht und als Herr des Universums alles erschaffen; sodann übt Er die Herrschaft und die Gerichtsbarkeit in Seiner Eigenschaft als Besitzer alles von Ihm Erschaffenen aus; und nachdem der Mensch nun erfahren hat, daß er von Allah (t) erschaffen worden ist und Ihm gehorchen muß, lehrt Allah (t) ihn, daß nur Er allein angebetet werden darf, daß Er der einzige Gott ist und daß es keine andere Gottheit neben Ihm gibt.

Man kann in dieser Reihenfolge der Eigenschaften auch eine Steigerung sehen: Ein König oder Herrscher besitzt mehr Macht als nur ein »Herr«, und ein Gott ist wiederum mächtiger und größer als ein König. Dies macht die überragende Stellung Allahs (t) als einziger Gott aller Menschen, auch wenn es unter diesen Herren und Könige gibt, nur noch deutlicher. Darüberhinaus stehen die drei genannten Eigenschaften Allahs (t), wie wir noch sehen werden, in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Inhalt der folgenden Verse.

Im vierten Vers erfahren wir nun, wovor wir bei Allah (t) Zuflucht suchen sollen:

»Vor dem Übel des Einflüsterers«.

Al-Waswasa ist jene lautlose Stimme, die ins Bewußtsein des Menschen dringt und sich Gehör zu verschaffen sucht, indem sie das Denken, Wollen und Handeln des Menschen zum Negativen hin beeinflußt und den Menschen dazu veranlaßt, von der von Allah (t) vorgeschriebenen Verhaltens-norm abzuweichen; und al-waswas ist der Urheber dieser Stimme - »der Einflüsterer« oder »der Versucher«, der Teufel. Vor ihm sollen wir bei Allah (t) Schutz suchen, damit sein Übel, die »Einflüsterung«, nicht dazu führt, daß wir dieser Versuchung erliegen und unsererseits eine »üble« Tat begehen - eine Sünde, d. h. also, eine Handlung, die Allah (t) verboten hat, weil sie unrecht bzw. ungerecht oder schädlich ist und für die uns Allah (t), »der König der Menschen«, am Tage des Jüngsten Gerichts zur Verantwortung ziehen wird.

Daß diese »Einflüsterung des Teufels« der Ursprung aller Sünden ist, wird an vielen Stellen im Qur'an gesagt, z. B. in Sura 17 (Al-'lsrâ= Die Nachtreise), Vers 61 bis 65:

»Und (damals,) als Wir zu den Engeln sagten: ,Werft euch vor Adam nieder! <, da warfen sich alle nieder außer Iblis. Er sagte: »Soll ich mich vor jemandem niederwerfen, den Du aus Ton erschaffen hast (61)?< Er sagte (weiter): »Was denkst Du wohl von dem da, dem Du mir gegenüber mehr Ehre erwiesen hast? Wahrlich, wenn Du mir bis zum Tag der Auferstehung Aufschub gewährst, dann werde ich seine (d. h. Adams) Nachkommenschaft bis auf wenige ausrotten (durch die teuflische Versuchung, der sie dann erliegen und die sie ins Höllenfeuer bringt) (62)!< Er (Allah) sprach: ,Geh weg! Wer (auch immer) von ihnen dir folgt, so soll die Hölle euer Lohn, ein reichlicher Lohn sein (63). Und schrecke mit deiner Stimme auf, wen von ihnen du (immer) kannst, und hetze deine Reiterei und dein Fußvolk (= deine Heerscharen) auf sie, und sei ihr Teilhaber am (verbotenen) Vermögen und an den (unehelichen) Kindern und mache ihnen Versprechungen!« - Doch was der Satan ihnen verspricht, ist nur Trug (64). ,Meine (eigentlichen) Diener, über sie hast du keine Gewalt« Und dein Herr genügt als Sachwalter (65).«

Und in Sura 18 (Al-Kahf, Die Höhle), Vers 50 heißt es:

»...Da warfen sich (alle) nieder außer Iblis. Der war einer von den Ginn. Und er versündigte sich, indem er dem Befehl seines Herrn nicht nachkam. Wollt ihr nun ihn und seine Nachkommen an Meiner Statt zu Freunden nehmen, wo sie euch doch feind sind? Ein schlechter Tausch für die Frevler!«

Wie uns der Qur'an lehrt, wurde Iblis* zum Stammvater aller Saiyâtin. Das arabische Wort Saitan, die Einzahl von Sayâtin, bedeutet »übles Wesen« - es entspricht also in seiner Bedeutung in etwa dem deutschen Begriff »Teufel«, und seine Verwandtschaft mit dem Wort »Satan« ist unübersehbar. Wie bereits der im Qur'an verwendete Mehrzahlbegriff Sayâtin zeigt, gibt es also nicht nur den (einen) Teufel - vielmehr ist die Verwendung des Einzahlbegriffs als Abstraktion für »die Teufel« zu verstehen.

Welch ungeheures Ausmaß des Übels »der Teufel« seit jenem in Sura 2 geschilderten Geschehen bewirkt hat und bewirkt, bedarf keiner näheren Erläuterung - trotzdem hat er, wie Allah (t) uns im Qur'an immer wieder darlegt, keine Macht über die Menschen in dem Sinne, daß sie zwangsläufig seiner Beeinflussung nachgeben müßten; so heißt es z. B. in Sura 14 (Ibrâhim, Abraham), Vers 22:

»Und der Satan sagt, nachdem die Angelegenheit (durch das jüngste Gericht) entschieden ist: »Allah hat euch ein wahres Versprechen gegeben. Aber ich habe euch ein Versprechen gegeben und (es) dann gebrochen. Und ich hatte keine Voll-macht über euch. Ich habe euch vielmehr (nur) gerufen, und ihr habt mir Gehör geschenkt. Des-halb tadelt nicht mich! Tadelt euch selber!...«

Derjenige, Der die tatsächliche Macht über die Menschen ausübt, ist vielmehr Allah (t) selbst; dazu lesen wir z. B. in Sura 48 (Al-Fath, Der Sieg), Vers 11:

»...Sag: Wer vermochte gegen Allah etwas für euch auszurichten, wenn Dieser vorhat, euch Schaden zuzufügen, oder wenn Er umgekehrt vorhat, euch Nutzen zu bringen?«

- und wie wir gesehen haben, weist uns Allah (t) durch die Worte rabbi-n-nâs, »Herr der Menschen«, zu Beginn dieser Sura noch einmal ausdrücklich auf diese Tatsache hin.

In diesem vierten Vers wird noch eine zweite Eigenschaft des Satans genannt: al-hannâs, »der, der sich zurückzieht, dann jedoch wieder- kehrt«. Der Satan wird mit dieser Eigenschaft deshalb bezeichnet, weil er sich in die Herzen der Menschen einzuschleichen versucht, sich aber sofort wieder zurückzieht, wenn der Gläubige sich auf Allah (t) besinnt und bei Ihm Zuflucht vor dem Teufel sucht. Einem Hadit zufolge, der von Al-Buhâri überliefert wurde, drückte der Prophet Muhammad (a.s.s.) dies so aus:

»Der Satan hockt auf dem Herzen des Menschen; wenn dieser nun Allahs (t) gedenkt, zieht er sich zurück, und wenn er unachtsam ist, flüstert er Böses ein.«

Die Nennung dieser Eigenschaft des »Entweichers« weist also auch unmittelbar auf die Wirkung der Isti'âba hin.

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* Vgl. das griechische Wort Diabolos..

Nachdem wir nun zwei Eigenschaften des Satans kennengelernt haben, erfahren wir eine weitere im fünften Vers dieser Sura, in dem es heißt:

» der in die Brüste der Menschen einflüstert«. ···,

Auf welche Weise dieses »Einflüstern« vor sich geht, ist im folgenden Hadit bei Al-Buhâri und Muslim geschildert:

»Fürwahr, der Satan geht dem Menschen in Fleisch und Blut über.«

Und in einem anderen Hadit bei Al-Buhâri heißt es:

»Wenn zum Gebet gerufen wird, entflieht der Saytan und läßt einen Wind streichen, damit er den Adam nicht hört. Wenn aber der An beendet ist, kommt er zurück, bis die Iqâma ertönt; dann entflieht er. Und wenn die Iqâma beendet ist, kehrt er zurück, um dem Menschen in sein Herz einzuflüstern: ,Denk an dies, denk an das!', Dinge, an die er vorher nicht gedacht hat, bis der Mann schließlich nicht mehr weiß, wieviel er gebetet hat.«

Der Betende wird also durch Gedanken an andere Dinge so vom Gebet abgelenkt, daß er sich schließlich nicht sicher ist, ob er z. B. drei oder vier Rak'as gebetet hat.

Aus diesem Grund empfiehlt Allah (t) dem Gläubigen die Isti'á - als besonderen Schutz sogar vor dem Gebet; so heißt es in Sura 16 (An-Nahl, Die Bienen), Vers 98:

»Und wenn du nun den Qur'an rezitieren willst, so nimm deine Zuflucht zu Allah vor dem verfluchten Satan (indem du die Isti'â- sprichst)!«

Eine Art des Teufels, Unheil zu säen, ist also das Ablenken - er läßt den Menschen so lange an et-was anderes denken, bis dieser schließlich vergißt, was er getan hat oder tun wollte; betrachten wir dazu auch den 63. Vers der Sura 18 (Al-Kahf, Die Höhle), in dem Allah (t) an das erinnert, was der Begleiter des Mose (a.s.) sagte:

». . . Und da habe ich den Fisch vergessen. Aber nur der Satan hat mich ihn vergessen lassen...« Diese Beeinflussung zum Schlechten kann z. B. auch so vor sich gehen, daß der Teufel zunächst den Menschen dazu bringt, an unrechte, verbotene Handlungsweisen zu denken und sie ihm als gut, schön, empfehlenswert oder zumindest als weniger verderblich und gefährlich als angenommen erscheinen läßt. Dadurch weckt er im Menschen den Wunsch danach, steigert den Wunsch zum Verlangen und malt das Verbotene in so verlockenden Farben aus, bis diese »Einflüsterung« schließlich im eigenen Willen des Menschen auf-geht und ihn dazu veranlaßt, die ihm von Allah (t) gegebene Entscheidungs- und Handlungsfreiheit zu einer verbotenen Handlungsweise, einer Sünde, zu mißbrauchen - Beispiele für diese (versuchte) Einflußnahme des Teufels kann jeder in ausreichendem Maße bei kritischer Selbstbetrachtung finden.

Gelingt es dem Teufel häufiger, den Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen, so wird der Mensch dadurch sogar allmählich das Bewußtsein, daß dieses Verhalten unrecht ist, verlieren - »fürwahr, der Satan geht dem Menschen in Fleisch und Blut über.« Das schlechte Gewissen regt sich schließlich beim Menschen nicht mehr, denn diese Handlungsweise ist nun ganz normal geworden, und im Gegenteil: sie er-scheint dem Menschen nun sogar als gut und richtig -

»...ihr Herz verhärtet sich, und der Satan ließ ihnen, was sie (an Sünde) taten, im schönsten Licht erscheinen« heißt es dazu in Sura 6 (Al-An'ám, Das Vieh), Vers 43.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang noch einmal Vers 3 dieser Sura: Nicht umsonst weist uns Allah (t) zu Beginn dieser Darlegung über das Übel durch die Beeinflussung des Teufels darauf hin, daß Er »der Gott der Menschen« ist; dies beinhaltet ja auch, daß die Menschen nur einzig und allein Seinen Normen folgen dürfen und sich da-neben nicht an anderen Normen orientieren dürften - auch wenn der Teufel sie in noch so verlokkendem Glanz erstrahlen läßt.

Führen wir die oben begonnenen Gedanken noch weiter :

Die Beeinflussung durch den Teufel hat zunächst einmal negative Auswirkungen für den einzelnen selbst - nämlich indem er sich schuldig macht - und gegebenenfalls auf die Menschen in seiner Umgebung, denen er durch sein falsches Verhalten Unrecht tut oder schadet; sie kann in der oben beschriebenen Weise aber auch sehr weitreichende Konsequenzen haben: Denken wir z. B. an die allmähliche Aufweichung von Normen in einer Gesellschaft, speziell an die Verwässerung des Islam durch neue, »moderne« Ideen und Lehren, die vom Propheten Muhammad (a.s.s.) nicht gelehrt wurden und die dem Unglauben Tür und Tor öffnen, indem sie die Menschen immer mehr von der wahren Lehre Allahs (t) entfernen. Es zeigt sich also, wie wichtig es ist, bereits den Anfängen zu wehren, um nicht in einen »Teufelskreis« zu geraten - dies gilt sowohl für den einzelnen als auch für die islamische Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit.

Betrachten wir abschließend zu diesem fünften Vers der 114. Sura noch eine Besonderheit des sprachlichen Ausdrucks: Das arabische Wort sudür bedeutet eigentlich »Brüste«, es kann aber auch »Herzen< bedeuten. Die Brust ist sozusagen das Haus, in dem das Herz wohnt. Einen ähnlichen Unterschied macht Allah (t) in der dritten Sura (Al-'lmrân, Die Sippe 'Imrâns), Vers 154: »...und damit Allah prüft, was in euren Brüsten ist, und untersucht, was in euren Herzen ist. Und Allah kennt das Innerste der Brüste.«

Im letzten Vers dieser Sura heißt es:

»..., von den Ginn und den Menschen«.

Ober die Bedeutung dieses Verses gibt es bei den Qur'an-Kommentatoren unterschiedliche Meinungen: Eine Gruppe ist der Ansicht, dieser Vers sei eine Erläuterung zu »Brüste der Menschen« im vor-hergehenden Vers, d. h., es ergäbe sich die Bedeutung, daß der Satan in die Brüste der Menschen und in die Brüste der Ginn einflüstert - auch die Ginn verfügen ja, wie uns der Qur'an lehrt, über Willens- und Entscheidungsfreiheit und können in Obereinstimmung mit den Gesetzen Allahs (t) oder gegen sie handeln.

Die zweite, mehrheitliche und wahrscheinlichere Interpretation besagt, dieser Vers beziehe sich auf den Ausdruck »der einflüstert« im vorhergehen- den Vers; als Bedeutung ergibt sich dann, daß sowohl die Ginn als auch die Menschen zu den teuflischen Einflüsterern gehören. Diesen Sachverhalt können wir auch anderen Qur'an-Versen entnehmen; so heißt es z. B. im Vers 112 der sechsten Sura (Al-An'am, Das Vieh):

»So haben Wir für jeden Propheten (gewisse) Feinde bestimmt; die Satane der Menschen und der Ginn...«

Eine dritte Meinung der Kommentatoren besagt, daß dieser fünfte Vers an die ersten drei Verse anknüpfe; damit ergibt sich die Bedeutung: »Ich suche meine Zuflucht vor dem Übel der Ginn und der Menschen.«

Diese letztere Bedeutung ist gar nicht so weit von der zweiten entfernt - ist doch jemand, der Böses mit einem vorhat, sei es ein Mensch oder ein Ginn, ein teuflisches Wesen, also ein »Freund« des Saytâns oder selbst solch ein »übles Wesen«. Und vor Jemandem, der Gutes mit einem vorhat, braucht man nicht Zuflucht zu suchen. Allerdings kann manches »Übel der Ginn und der Menschen« auch ohne böse Absicht verursacht werden, so daß nicht jeder Verursacher von Übel ein Teufel sein muß.

Nicht umsonst hört man zuweilen, daß ein Mensch einen anderen als Teufel bezeichnet; damit will man keineswegs bestreiten, daß der so Bezeichnete ein Mensch ist, aber man will damit zum Ausdruck bringen, daß er die Eigenschaften eines Teufels in einem solchen Ausmaß besitzt, als wenn er selbst einer sei - und dies beinhaltet, wenn wir uns der Meinung der Mehrheit der Qur'an-Kommentatoren anschließen, dieser letzte Vers der Sura. Er weist uns also u. a. darauf hin, daß die »Stimme« des Einflüsterers auch sehr deutlich die Stimme eines »Freundes« sein kann, der uns zu etwas von Allah (t) Verbotenem überreden will. Er umfaßt aber z. B. auch die Verleumdung, die anderen über uns »eingeflüstert« wird; er beinhaltet das Übel, das uns von anderen droht, die durch teuflische Einflüsterung selbst teuflischen Charakter angenommen haben; und er macht uns darauf aufmerksam, daß uns auch Übel von den Ginn drohen kann.

Betrachten wir nun noch einmal den Aufbau dieser Sura:

Allah (t) fordert uns auf, bei Ihm Zuflucht zu suchen, und macht uns zunächst noch einmal auf Seine Eigenschaften aufmerksam: daß Er allein es ist, Der tatsächliche Macht über den Menschen hat, daß Er den Menschen für seine Taten zur Verantwortung ziehen wird und daß der Mensch nur den Normen Allahs (t) folgen darf. Nun erfahren wir, wovor wir Zuflucht suchen sollen, nämlich vor dem Übel des Teufels, und wir lernen die Eigenschaften des Teufels kennen: daß er »einflüstert« und daß er sich zurückzieht, wenn man sich auf Allah (t) besinnt. Danach wird das Tätigkeitsfeld des Teufels genannt: die »Brüste« und »Herzen« der Menschen. Und schließlich - so die Meinung der Mehrheit der Kommentatoren - legt Allah (t) die Erscheinungsform und Gestalt der Sayâtin dar, nämlich daß sie Ginn, aber auch Menschen sein können.

Diese Reihenfolge lenkt die Aufmerksamkeit auf den wahren Sachverhalt über den Satan und die Verbreitung des Übels, und Allah (t) klärt uns in dieser Sura darüber auf, um uns vor diesem Übel zu warnen und auf notwendige Abwehrmaßnahmen hinzuweisen. Und wie Allah (t) uns in dieser Sura und an vielen anderen Stellen im Qur'an lehrt, ist die grundlegende und wirksamste Abwehrmaßnahme die Isti'âda, die Zufluchtnahme zu Allah (t)- indem wir, wie: Allah (t) uns in dieser Sura befiehlt, ebendiese Sura sprechen, indem wir uns auf Ihn besinnen und auf das, was Allah (t) uns in dieser Sura darlegt. So heißt es auch in Sura 7 (Al-' A'rãf, Die Höhen), Vers 200 f:

»Und wenn dich eine Einflüsterung zum Schlechten von seiten des Satans reizt, so nimm deine Zuflucht zu Allah! Er ist (alles) hörend, wissend (200). Wenn diejenigen, die gottesfürchtig sind, eine Anwandlung vom Satan ergreift, gedenken sie, und gleich sehen sie (wieder klar) (201).«

Diese Besinnung erinnert uns immer wieder an die richtigen, von Allah (t) vorgeschriebenen Verhaltensnormen - sei es im Hinblick auf das Widerstehen gegenüber einer »eingeflüsterten« Versuchung, sei es im Hinblick auf die Art, wie das Übel menschlicher »Teufel« in Übereinstimmung mit der Lehre Allahs (t) ganz konkret bekämpft wer-den muß.

Die besondere Gefahr der Beeinflussung durch den Teufel liegt darin, daß wir nicht wissen und nicht wissenschaftlich nachweisen können, wie diese »Einflüsterung« konkret vor sich geht, wenngleich sich auch manche üble Nachrede, Verleumdung, Überredung zu etwas von Allah (t) Verbotenem oder z. B. die Politik eines pseudo-muslimischen Staatsmanns durchschauen lassen. Die Tatsache des Vorhandenseins dieser Beeinflussung und des uns verborgenen Übels hat uns Allah (t) in Seiner Gnade aber ausführlich im Qur'an mitgeteilt und uns von Seinem Gesandten Muhammad (a.s.s.) erläutern lassen; denn wenn Er dem Satan auch erlaubt hat, den Menschen zu versuchen und als Feind des Menschen tätig zu sein, so hat Er doch die Menschheit auf diese Gefahr aufmerksam gemacht und Abwehrmöglichkeiten gegeben - die wichtigsten sind der Verstand, die Willens- und Entscheidungsfreiheit und die Isti'ãba. Und daß der Mensch bei entsprechender Gottesfurcht und Aufrichtigkeit seines Glaubens endlich doch der Stärkere und Besieger des Teufels sein kann, beweist der bereits zitierte Hadit:

»Der Satan hockt auf dem Herzen der Menschen; wenn dieser nun Allahs (t) gedenkt, zieht er sich zurück, und wenn er unachtsam ist, flüstert er Böses ein.«

Möge Allah (t) alle Gläubigen vor dem Satan in Schutz nehmen und ihnen die Kraft geben, seiner Einflüsterung zu widerstehen. Amin!

Lehre

1) Die Sura 114 (An-Nás, Die Menschen) ist eine Schutz-Sura.

2) Eine wirksame Verteidigung gegen alles Übel bietet diese Schutz-Sura in Verbindung mit der zweiten Schutz-Sura, Nr. 113 (Al-Falaq, Das Morgengrauen).

3) Außer Allah (t) gibt es niemanden, den der Gläubige um Schutz bitten darf.

4) Allah (t) ist der Erschaffer des gesamten Uni-versums.

5) Der Beherrscher und Besitzer des gesamten Universums ist nur Allah (t).

6) Ursprung aller Sünden ist die Einflüsterung des Satans.

7) Der Satan zieht sich vom Herzen des Gläubigen zurück, wenn dieser Allahs (t) gedenkt.

8) Die Teufel sind Jinn, aber auch Menschen können teuflische Eigenschaften in solchem Maße annehmen, daß sie in ihrem Charakter Teufeln gleichen.

 

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